TEST: Canton GLE 90 - Aus Alt mach' Neu: Das neue Flaggschiff der Mittelklasse mit überraschend emotionaler Gesamtwiedergabe

 

Laut Canton ist die GLE-Serie eine der beliebtesten Lautsprecherserien Europas. Darum lassen sich die Hifi-Experten nicht lumpen und bringen eine überarbeitete Fassung des GLE-Arsenals auf den Markt. Mit dem neuen GLE 90 findet sich sogleich das Topmodell bei uns im Büro ein, welches wir heute auf Herz und Niere prüfen wollen.

Beim GLE 90 handelt es sich um einen 3-Wege-Standlautsprecher mit dem bewährten Bassreflexprinzip, zwei 192mm-Tieftönern, einem 174mm-Mitteltöner und der für Canton charakteristischen 25mm-Hochtonkalotte aus Alu-Mangan. Die Tief- und Mitteltöner der GLE-Serie sind jetzt auch mit Titanium-Membranen ausgestattet, mit denen sie für den extra dynamischen und harmonischen Canton-Sound sorgen sollen.

Die GLE 90 sind für 549 Euro pro Stück und in drei verschiedenen Fassungen erhältlich, nämlich Schwarz Dekor, Weiß Dekor und Makassar Dekor. Die Schallwand ist dabei immer matt schwarz (in der schwarzen und Makassar-Variante) oder seidenmatt weiß lackiert. Die Nenn- bzw. Musikbelastbarkeit liegt bei 150 bzw. 320 Watt und es werden Frequenzen von 20 bis 40000 Hz abgedeckt.

Die Front der GLE 90 mit sichtbarer Chassisverschraubung

Ovales Gitter, magnetisch haftend

Gleichmäßiger Übergang zwischen lackierter Schallwand und MDF-Gehäuse

Auf den ersten Blick gefällt uns sofort das Design. Unsererseits erhalten haben wir die weiße Fassung der GLE 90 und bereits beim Aufstellen macht die Optik des klassisch weißen Gehäuses mit der lackierten Schallwand eine super Figur. Das mitgelieferte, magnetisch haftende Gitter ist auch nicht standardmäßig eckig, sondern kommt in einer ovalen Form daher, was den GLE 90 wohl vor allem in moderneren Wohnzimmern entgegenkommen dürfte. Rein optisch betrachtet müssen wir allerdings sagen, dass auch ohne Gitter die Speaker ein echter Hingucker sind. Dabei sind sie mit ihren Abmessungen von 21x106x31cm und einem Gewicht von etwa 19 kg auch keine Giganten, sondern eher leicht zu handhaben.

Zwei Titanium-Tieftöner mit 192mm Durchmesser

174mm-Mitteltöner, ebenfalls mit Titanium-Chassis

Die Alu-Mangan-Hochtonkalotte mit 25mm Durchmesser

Ordentliche Standfüße

Firmenlogo unten

Canton setzt bei der Neufassung der GLEs auf ein 3-Wege-Prinzip mit zwei Tieftönern und jeweils einem Mittel- und Hochtöner. Unten angesiedelt sind die zwei 192mm-Tieftöner, jetzt neu mit Titaniumchassis, welche auch beim 174mm-Mitteltöner oben zum Einsatz kommt. Zwischen den Mittel- und Tieftönern ist die 25mm-Hochtonkalotte zu finden. Die Chassis sind alle sauber und passend in die Schallwand eingebracht und wirken über die altbekannten Polycarbonatkörbe hochwertig und optisch ansprechend, trotz der sichtbaren Verschraubung. In dieser Preisklasse ist das aber auch keine unübliche Vorgehensweise. Unten ist dann noch das gerade in der weißen Fassung eher subtil silbern glänzende Firmenlogo zu sehen.

Sauber foliertes MDF-Gehäuse


Ordentliches Finish

Spitz zulaufende Kanten, angemessen verarbeitet

Rückseite im Ganzen

Ordentlich eingefasste Rückwand

Bassreflexöffnung

Sauber verarbeitetes Anschlusspanel

Hochwertige, vergoldete Anschlüsse

Optisch wissen die GLE 90 also schon zu überzeugen, aber wie sieht es mit der Verarbeitungsqualität abseits des Chassisverbaus aus? Nun, die Speaker verfügen über das klassische folierte MDF-Gehäuse mit weitgehend glatter, leicht gemusterter Oberfläche, während die Schallwand vorne, in unserem Fall, seidenmatt weiß lackiert ist. Diese geht auch großteils gleichmäßig in das MDF-Gehäuse über, jedoch finden wir bei einem unserer GLE90 einige kleine Stellen, bei denen sich minimal der Lack gelöst hat, was natürlich bei genauerem Hinsehen etwas unsauber aussieht. Nichtsdestotrotz: das attraktive Gehäuse ist sorgfältig foliert, das vergoldete Anschlusspanel an der Rückseite unten ist hochwertig und liefert absolut keinen Anlass zur Beschwerde. Die spitz zulaufenden Kanten sollte man zwar mit Vorsicht behandeln, da gerade in unteren Preisklassen diese gerne etwas fransig werden können, aber auch das ist Meckern auf hohem Niveau. Unten angebracht sind dann noch vier angemessen große Standfüße im Chromlook mit Stoffpad an der Unterseite, auf denen die GLE 90 auch zuverlässig und stabil stehen.

Einer der vier Standfüße im Detail

Alles in Allem überzeugen die GLE 90 insbesondere durch ihr zeitloses und schickes Design, mit dem sie in jedem Wohnzimmer einen Platz finden dürften, und ihre insgesamt saubere Verarbeitungsqualität. Die punktuellen Makel stellen vielleicht nicht die höchsten Hifi-Ansprüche zufrieden, sind allerdings auch der Preisklasse geschuldet.

Klang

Fast schon Standard bei unseren Klangtests ist der Audiolab 6000 A Play. Mit diesem betreiben wir auch die GLE 90 und gehen gleich in die Vollen mit „Wheel of Fortune“ aus dem Fluch-der-Karibik-Soundtrack in CD-Qualität. Und ohne großes Zögern zeigen uns die Speaker sofort ihre größte Stärke, wie sich auch in den späteren Klangbeispielen wird, nämlich ihre voluminöse, druckvolle, aber kontrollierte Tiefenwiedergabe. Die Pauken werden mit einem starken, atmosphärischen Bass präsentiert, der wirklich eine unglaublich mitreißende Stimmung verursacht. Auch bei den anderen Frequenzen darf man die GLE 90 aber nicht unterschätzen. Vor allem die Mitten werden sehr präzise und authentisch dargestellt. Hier leisten die neuen Titanium-Chassi für den Mittelton- und Bassbereich offensichtlich ganze Arbeit. Der einzige Kritikpunkt, den wir äußern können, ist die Darstellung der Höhen bei komplexerem Klanggeschehen.

„Wheel of Fortune“ ist ein sehr mächtiges Orchestralstück, bei dem viele Klangebenen und Frequenzen mehrfach und gleichzeitig abgedeckt werden müssen, und wir würden uns insbesondere bei den Geigen etwas mehr Präsenz in der Darstellung wünschen. Diese sind ein klein wenig zu sehr im Hintergrund vertreten, wenn auch der Rest des Orchesters großmächtig aufspielt. Tatsache ist jedoch: Sie verschwinden keineswegs komplett und sind immer noch gut zu hören. Dieser wirklich leichte Makel tritt nach unserer Beobachtung auch nur bei hochgradig komplexem Sound auf, das verhaltene Ertönen der Spieluhr in der Mitte des Stücks klingt wiederum äußerst lebensecht. Im Detail leiden die höheren Frequenzen also nicht. Und wir wollen schließlich auch nicht vergessen, auf welcher preislichen Ebene wir uns befinden.  Nicht nur gemessen daran liefern uns die GLE 90 eine echt starke Vorführung, was auch wieder am Schluss bei den Kontrabässen deutlich wird, bei denen die neuen Titanium-Tieftöner der Hessen vor Atmosphäre und Präzision nur so strotzen.

Dass die Cantons saubere Höhen können, zeigen sie auch bei „Ain’t no Sunshine“ in der Interpretation von Eva Cassidy. Bei solch einer ruhigen, aber stimmungsvollen Nummer bekommen die Alu-Mangan-und Titanium-Chassis etwas mehr Spielraum und können sich akustisch insbesondere beim Klavier und dem Gesang mehr entfalten. Die authentische Stimmendarstellung und die anmutige Akustikgitarre bilden zusammen mit dem begleitenden Klavier eine wirklich entspannte Bar-Atmosphäre.

Machen wir weiter mit der SACD von „Mensch“ von Herbert Grönemeyer. Beim Intro gefällt uns bereits die differenzierte Instrumentalauflösung. Die E-Gitarre und das Schlagzeug kommen beide detailliert zur Geltung, während der begleitende Bass kräftig, aber harmonisch treffend wiedergegeben wird. Er übertönt nicht die anderen Frequenzen, sondern bildet ein angenehmes Klangfeld, in dem sich die anderen Instrumente austoben können. Besonders deutlich wird dies gegen Ende des Liedes, wo noch einmal alle Klangelemente zusammen auftreten und treibenden Sound bilden. Positiv hervorzuheben ist auch die Leichtigkeit, mit der bei komplexerem Klang die gleichmäßige Rhythmus-Gitarre durch das Lied getragen wird und die dynamischen Scratch-Sounds, die schnell und passend ertönen, aber auch nicht überwiegend aus der Gesamtkulisse herausstechen.

Wir steigen um auf Tidal-Streaming mit „Fight For You“ von Morgan Page. Elektronische Musik dürfte den GLE 90 mit ihrer Bassstärke und ihren Fähigkeiten bei ausgewogenem Sound wohl sehr entgegenkommen. Und genauso kommt es auch: Der Kickbass nach dem klaren Synthesizer-Beginn wird von den beiden Tieftönern trocken, aber sehr mächtig und stimmungsvoll wiedergegeben. Hier wird auch der eigentlich beeindruckendste Aspekt der GLEs deutlich: nicht nur, dass die Bässe wahnsinnig tief und kräftig zur Geltung kommen, sondern ohne irgendein Anzeichen von nachwirkendem Brummen oder Dröhnen. Man spürt die Kraft in der Brust pochen und doch klingt alles einfach sauber. Kein Durchschlagen, kein Stottern auch bei hohem Pegel, selbst wenn mächtiger Nachdruck gefragt ist. Es wird schlichtweg ausgewogener, harmonisch astreiner Tiefgang geliefert. Dass die Speaker wissen, wie sie mit dem Bass umgehen müssen, wird auch darin deutlich, dass die anderen Klangebenen immer noch klar und vor allem klanglich passend zum Vorschein kommen. Gerade die Vocals ertönen plastisch zwischen den beiden Lautsprechern vor uns.

Ursprünglich hatten wir geplant, den Klangtest nach vier Beispielen zu beenden, aber wir können uns ob der bisherigen Performance nicht zurückhalten und gönnen uns „I See Fire“ aus dem Hobbit-Soundtrack, gesungen von Ed Sheeran. Spontan gefiel uns die Lösung der Stimme bei „Fight For You“ minimal besser, der irische Weltstar erklingt aber trotzdem sehr stimmungsvoll und erfreut sich deutlicher Klarheit in der Wiedergabe. Beim Einsatz der akustischen Gitarre und später der Bass-Gitarre gewinnt der Sound dann an Volumen und die einzelnen Instrumente können sich wunderbar in das weiche Klangbett, das primär von der so präzisen Tiefendarstellung generiert wird, hineinlegen. Dieses angenehme Gesamtbild gipfelt dann in dem Zusammenspiel aller Klangelemente gegen Ende des Stücks, bei dem die Pauken, der Bass, die Gitarre und Eds Stimme gleichzeitig schwungvoll aufspielen und die GLE 90 das komplette Frequenzspektrum abdecken. Dabei gibt es auch keinerlei Einbrechen der Akustik, als wir den Pegel ordentlich in die Höhe drehen, um uns vom Sound der Cantons weiter mitreißen zu lassen. Es spielt dann auch keinerlei Rolle mehr, dass die höheren Frequenzen bei komplexerem Klanggeschehen noch etwas vordergründiger dargestellt werden könnten. Die GLE bieten uns eine so stimmungsvolle Performance an, die aber gleichzeitig so angenehm und zwanglos klingt, dass es einfach nur Spaß macht, zuzuhören.

Zum guten Schluss strapazieren wir die Titanium-Tieftöner noch einmal ordentlich mit „Helpless“ von Myon & Shane 54 feat. Aruna, einem sehr basslastigen Track mit gleichzeitig weichen Vocals. Bei diesen zeigen die Cantons noch einmal ihre Fähigkeiten bei der Stimmwiedergabe. Arunas Gesang erklingt nämlich sofort sehr deutlich und weich und spielen sehr gut mit dem Synthesizer zusammen. Die Zischlaute im Gesang ertönen manchmal etwas spitz, was allerdings auch der Lautstärke geschuldet ist. Vor allem, da Arunas Stimme sonst wirklich sehr angenehm zur Geltung kommt, können wir das kaum als Minuspunkt verzeichnen. Nach dem Drop setzt bei „Helpless“ dann ein mächtiger Kickbass ein, der aber auch die GLE 90 in keinerlei Verlegenheit bringt, und das obwohl wir uns wirklich nicht zurückhalten, den Lautstärkeregler nach rechts zu drehen. Die Basskraft, die das Stereo-Paar aus Hessen hier an den Tag legt, würden wir, insbesondere in ihrer Liga, schon als gigantisch bezeichnen. Und wieder können wir kein Durchschlagen, kein Nachdröhnen, keine übertrieben kraftvolle Tiefendarstellung feststellen, die alles andere in den Hintergrund drängt. Wir bekommen einfach trockenen, kräftigen und präzisen Bass zu hören, genauso, wie es sein soll.

Konkurrenzvergleich

Zum etwas günstigeren Paarpreis von 790 Euro erhält man die ganz frisch von uns getesteten Signum 70 von Quadral. Die hannoverschen Speaker überzeugten uns mit ihrer sauberen Verarbeitung und Detail in der Stimmwiedergabe trotz des vergleichsweise günstigen Einkaufspreises. Genau wie die Canton sind die Chassis der Signum 70 sichtbar verschraubt, was uns aber durch die silbernen Rahmen optisch etwas besser gefallen hat. Die GLE 90 sind jedoch insbesondere in der weißen Fassung, die uns verfügbar gemacht wurde, optisch sehr ansprechend. Man spürt aber dann doch beim Klang den preislichen Unterschied von etwa 350 Euro. Die GLE bieten etwas mehr Homogenität und Ausgewogenheit in ihrem Sound und hängen das Quadral-Paar im Tiefenbereich locker ab.

Ein ebenfalls klanglich überzeugendes Duo aus Deutschland stellen die ELAC Debut Reference DFR52 dar. Mit diesen erhält man für einen Paarpreis von knapp unter 1.100 Euro (je nach Händler) eine leicht zu empfehlende Kombination aus kräftigen Tiefen, tollem Auflösungsvermögen und ausgewogenem Klang. Ähnlich wie die GLE 90 sind auch die ELAC bei den höheren Frequenzen etwas zurückhaltender, liefern aber trotzdem eine insgesamt stimmige Performance, optisch gepaart mit schickem Holz-Design.

Bei 1398 Euro Paarpreis liegen die AperionAudio Novus T5 Tower, die durch ihre sehr hochwertige Verarbeitung nicht nur sprichwörtlich glänzen können. Der Schein trügt aber nicht immer, auch klanglich haben die T5 einiges zu bieten. Mit starkem Bass, guter Stimmwiedergabe und insgesamt dynamischem Sound haben die US-Amerikaner in Deutschland ein beeindruckendes Debüt gezeigt. Die Konkurrenten von Canton sind etwa 300 Euro günstiger und stehen den T5 durch ihren Tiefgang und differenzierten Sound gewiss in nichts nach, können aber nicht ganz mit der hervorragenden Verarbeitungsqualität mithalten.

Fazit

Das Canton-Team weiß eben, worauf es setzen muss. Die GLE-Serie ist nicht umsonst ein Dauerbrenner in Europa und mit der Neuauflage, oder zumindest mit dem hier getesteten Topmodell, zeigen die Hessen auch, woher dieser Ruf kommt. Die GLE 90 bieten für einen annehmbaren Paarpreis von 1.100 Euro ein klangliches Gesamtpaket, das insbesondere bei der Präzision des Tiefgangs und als pegelfeste Stimmungskanone seinesgleichen sucht. Auch wenn die Höhen stellenweise etwas prominenter hätten ausfallen können, so ist dieser Kritikpunkt durch die mitreißende Wiedergabe und den gelieferten Spaßfaktor nahezu hinfällig. Die kleinen Makel bei der insgesamt ordentlichen Verarbeitung können wir als „der Preisklasse geschuldet“ verbuchen. Dort, wo es zählt, liefern die GLE 90 – und zwar mit Bravour.

Da kommt Freude auf - die Canton GLE 90 bringen fantastischen Sound mit bombensicherem Tiefgang ins Wohnzimmer

Standlautsprecher bis 1500 Euro Paarpreis
Test: 25. Mai 2021

Test & Fotos: Michael Kind
Redaktion: Carsten Rampacher
Datum: 25. Mai 2021

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