TEST: Numan Retrospective 1977 – Die Alternative bei den 3-Weg-Standlautsprechern?

Numan Retrospective 1977 Gruppenbild2

Numan heißt eine weitere Marke von Chal-Tec/Electronic Star aus Berlin. „Numan steht für hochwertige Audiotechnik verpackt in uniquem Design„,heißt es vollmundig in der Erklärung zu den einzelnen Brands von Chal-Tec. Damit möchte man die Marke oberhalb von Auna, einem weiteren Chal-Tec-Brand, positionieren. Während bei Auna eher die Breite des Angebots, das für jeden Interessenten etwas bieten soll, im Fokus steht, möchte man sich mit Numan vom Marktumfeld abheben. Einen eigenen Numan Markenshop, analog zu Auna, gibt es derzeit noch nicht.  Nachdem wir mit der Numan Retrospective 1978 und der Numan Octavox 701 bereits zwei Numan-Produkte im Test hatten, folgt nun die Numan Retrospective 1977.  Erhältlich sind die Lautsprecher direkt bei Elektronik-Star.

Numan Retrospective 1977 Front Seitlich4

Zurück gebeamt in die 70er Jahre – das Design der Retrospective soll Erinnerungen wecken

Numan Retrospective 1977 Front Seitlich3

Besonders intensiv kommt der Retro-Faktor heraus, wenn das Schutzgitter montiert ist

Numan Retrospective 1977 Rueckseite Seitlich

Die Rückseite der Box zeigt 2 Bassreflexöffnungen und ein in Metall gefasstes Anschlussterminal

Die Retrospective 1977 ist ein 3-Wege-Lautsprecher, die zwei 20 cm Basschassis, einen 10 cm Mitteltöner und einen Hochtöner mit Gewebekalotte als Bestückung enthält. Die Verantwortlichen für die Website waren von der Doppelbass-Bestückung im Übrigen so beflügelt, dass sie auch gleich zwei Mitteltöner aufführten – einer davon gehört allerdings ins Reich der Fabel. Das Gehäuse weist gerundete Ecken vorn und hinten auf, die Schallwand ist leicht zurückversetzt. Montiert man das ebenfalls im Retro-Look gehaltene Frontgitter, dann passt es genau, das Gitter schließt dann beinahe bündig ab. Die Folierung des Gehäuses geht für die Preisklasse in Ordnung, extrem hohe Ansprüche sollte man verständlicherweise, gerade bei der Verarbeitung an den Kanten, nicht stellen. Auch die Bassreflexöffnungen sind sehr einfach ausgeführt, was in dieser günstigen Liga aber als üblich angesehen werden kann. Es gibt deutlich teurere Lautsprecher anderer Hersteller, die hier trotz höherem Kaufpreis nicht mehr Sorgfalt walten lassen. 

Numan spricht von einem aufwändig versteiften Gehäuse – irgendetwas, so viel ist sicher, wurde sicherlich getan, denn auch bei hohem Pegel verhält sich das Gehäuse sehr ruhig, selten bei so günstigen Boxen.

Numan Retrospective 1977 Tieftoener

2 x 20 cm Tieftöner für solides Bassfundament

Numan Retrospective 1977 Mitteltoener

Mitteltöner

Numan Retrospective 1977 Hochtoener

Hochtöner

Numan spricht auch von einem immensen Aufwand, der bei der Frequenzweiche betrieben wurde. Hier müssen wir feststellen, dass das homogene Klangbild, welches sich später im Testbetrieb zeigt, tatsächlich darauf hindeutet, dass die Frequenzweiche gute Arbeit leistet. Man muss diese Aussagen aber natürlich auch im Kontext zur Preisklasse sehen, und High-End kann man bei einem Paarpreis von knapp 370 EUR nun wahrhaftig nicht erwarten, verständlicherweise. Numan rät zu Verstärkerleistungen von maximal 200 Watt und empfiehlt überdies,die Retrospective 1977 frei aufzustellen, mit einem Abstand zu allen Wänden von mindestens 70 cm. Das ist ein sehr vernünftiger Tipp, denn zu wandnah sollte man den Schallwandler wegen der beiden auf der Rückseite untergebrachten Bassreflex-Öffnungen wirklich nicht positionieren. Dass maximal 60 Quadratmeter als Raumgröße angegeben werden, in denen sich die Retrospective 1977 austoben können, halten wir hingegen für übertrieben. Die Hälfte ist realistisch, möchte man auch mal größere Pegel souverän erleben. 

Numan Retrospective 1977 Anschluesse Rueckseite

Für die Preisklasse sehr gut gemachtes Anschlussterminal 

Numan Retrospective 1977 Bassreflexrohr

Bassreflexöffnung – zwei davon gibt es

Numan Retrospective 1977 Detail Frontgitter

Nettes Detail

Zu den Daten. Numan gibt einen Frequenzgang von 50 Hz bis 20 kHz an (+/- 3 dB). Maximale Dauerbelastbarkeit 120 Watt und maximale kurzzeitige Belastbarkeit von 200 Watt sind gute Werte. Die nominale Impedanz beträgt 4 Ohm, und für die Stoff-Gitter in voll befriedigender Qualität wurde laut Numan „spezieller Retro-Akustikstoff“ verwendet. Gut, man lernt nie aus, nun wissen wir auch, dass es so etwas gibt. 16,2 kg wiegt eine Retrospective 1977, die Box ist 100 cm hoch, 26 cm breit und 30 cm tief. Im Lieferumfang enthalten sind neben den Lautsprechern noch ein Satz Gummi-Füße und zwei Paar Numan Textilhandschuhe.

Klang

„Eines vorweg: Die NUMAN 1977 Retrospective Lautsprecher sind keine vollends neutral-abgestimmten Lautsprecher. Vielmehr klingen die Retrospective warm, dynamisch und zeigen sich bei jeder Musikrichtung äußerst spielfreudig: Die groovigen Speaker machen im High- und Low-End Bereich mächtig Dampf, zeichnen ein energetisches Bühnenbild und klingen trotz ihrer Dynamik erstaunlich differenziert“ – so werden die Numan Retrospective 1977 auf der Electronic Star-Website beschrieben. Damit ist klar: An den analytischen HiFi-Fan wendet sich diese Box nicht, sondern an denjenigen, der Hören nicht mit Schweizer Neutralität, sondern eher mit italienischer Emotion verbindet. Gelingt diese Mission? Wir prüfen nun nach. 

Wir starten durch mit einem Klassiker, der Ende der 80er Jahre entstand: „Das Omen“ von Mysterious Art. Das Intro kommt mit guter Basskraft und ordentlicher Raumwirkung zur Geltung. Die Stimme weist etwas wenig Konturen auf, dafür werden die zahlreichen Effekte gut voneinander differenziert. Der Choralgesang wird erstaunlich klar wiedergegeben, wenn es auch am letzten bisschen Brillanz fehlt. Als dann der eigentliche Song durchstartet, können die Retrospective 1977 durchweg gefallen. Dass alles aus den Lautsprechern herausgeholt wird, liegt natürlich auch an der überdimensionierten Zuspielung mit den schwäbischen High End Komponenten aus dem Hause Nubert: Die Stereo Vor-/Endstufenkombination nuControl/nuPower D ist für Höchstleistungen zuständig. Überraschend ist aber, was die Numan-Boxen daraus machen. Der Bass ist satt und gleichzeitig präzise, die Mitten schließen sich nahtlos an den Bassbereich an. Der Hochtonbereich ist allerdings etwas bedeckt, hier sollte man allerdings, bevor zu viel Kritik laut wird, an die Preisklasse denken, in der sich die Retrospective befindet. 

Weiter geht es mit „Miracles“ der Pet Shop Boys, bei uns im Remix von Eric Prydz. Der Bassbereich kann auch bei diesem Track wieder überzeugen, nur bei sehr hoher Lautstärke nimmt das Differenzierungsvermögen etwas ab. Ansonsten kommt der Aufbau sehr gut zur Geltung, und die räumliche Wirkung der Retrospective ist auch diesmal wieder als ausgezeichnet zu bezeichnen. Die Pegelfest ist für ein Boxenpaar, das unter 400 EUR kostet und an einer extrem leistungsfähigen Vor-/Endstufenkombination betrieben wird, überragend. Beeindruckend ist auch, wie lange die Numan-Konstruktion souverän bleibt und z.B. die Stimme von Neil Tennant noch sauber vom akustischen Rest differenziert. Überhaupt – die Numan Retrospective 1977 klingt angenehm komplett, und dass die Auslegung im Hochtonbereich etwas zurückhaltend ausfällt, ist nicht weiter schlimm – besser, eine gefällge Auslegung mit leichten Einbußen bei Transparenz und Brillanz, als ein Schallwandler, der einen bildlich gesprochen „anschreit“ mit zu viel Aggressivität. 

Prima auch der Einsatz der Numan bei „Lovelight“ von Robbie Williams im Mark Donson Dub Mix. Der Bass trifft gut den richtigen Punkt, und hat Kraft sowie eine authentische räumliche Wirkung. Die Trennung der Stimme vom Rest der akustischen Strukturen gelingt tadellos, und auch kleinere dynamische Differenzen sind heraus zu hören. Der Klang ist, wie schon bei den anderen Beispielen zuvor, angenehm – man kann die Retrospective 1977 auch über mehrere Stunden mit höherer Lautstärke laufen lassen, ohne dass der Sound jemals stören würde. Die Atmosphäre, die der Numan-Schallwandler verbreitet, ist entspannt und gleichzeitig nicht langweilig.

Nun kommt es zu einer echten Herausforderung: „Rocket“ von Goldfrapp im Remix von Tiesto steht zur Wiedergabe an. Und hier merken wir am Anfang, dass dem Bass etwas trockene Härte fehlt. Als dann der noch üppigere Bass hinzu kommt, ist die Numan-Box dann aber in ihrem Element. Sicher, extrem anspruchsvollen Anwendern fehlt es etwas an Tiefgang und Struktur. Aber wir reden über ein Boxenpaar für 370 EUR, da kann man keine Maßstäbe anlegen wie bei einem Piega-Lautsprecher der Luxusklasse. Der Aufbau des Tracks erscheint auf jeden Fall nachvollziehbar, die Retrospective entwickelt eine gute Grobdynamik und schafft es auch prima, das nach vorn Strebende dieses Songs akustisch entsprechend zu verdeutlichen. Um die Pegelfestigkeit ist es auch diesmal ausgezeichnet bestellt. Die Membrane lenken auch bei hoher Lautstärke noch kontrolliert aus, für die Preisklasse beeindruckend. 

Und wie hört sich „The Howling“ von Within Temptation an? Das kurze ruhige Intro wird recht gut wiedergegeben, dann kommt der Dynamiksprung – und siehe da: Die Numan bringt ihn mit richtig Kraft zum Ausdruck – das ist sehr gut für die Preisliga. Und auch die gewollte Agressivität in der Stimme von Sharon Den Adel wirkt sehr gekonnt. Die E-Gitarre ist fetzig, also alles im „grünen Bereich“. Bei hohem Pegel nimmt allerdings die empfundene räumliche Tiefe ebenso ab wie das gesamte Differenzierungsvermögen. Die E-Gitarre setzt sich dann zu stark in den Fokus und drängt andere akustische Anteile in den Background. 

Nun kommt sozusagen das „krasse Gegenteil“ – anstatt niederländischem Symphonic Metal nun italienische Emotion – Andrea Bocelli singt für uns „Dell’Amore Non Si Sa“ und selbst hier versagt die preiswerte Box nicht. Natürlich, wer vokale Konturen bis ins letzte Detail ausgeformt haben möchte, liegt hier falsch. Auch die Anschlagdynamik der Tasten des Klaviers kommt nur im Absatz heraus. Aber die angenehme, gleichzeitig lebendige Auslegung, welche die Retrospective 1977 bietet, gefällt uns richtig gut. Für alltägliche Anwendungen kann man den Lautsprecher auch bei solchen Musikstücken empfehlen – das beweist auch „L’Attesa“: Gute Räumlichkeit, die Stimme wird nicht durch grobe tonale Schnitzer verunreinigt, und die Trennung der Stimme von den Instrumenten gelingt überzeugend. Der Bass ist äußerst kraftvoll, sensiblen Anwendern könnte dies etwas zu viel sein. Wer gern sehr dynamisch und mit spürbarem Fundament hört, wird hingegen bei der Retrospective genau richtig aufgehoben sein. 

Die Verantwortlichen, das zeigen die Hörtestreihen deutlich, kennen ihre Box wirklich gut, und das Zitat, welches wir zu Anfang der Klangtestreihen brachten, besteht nicht aus lauter Worthülsen, sondern zeigt das Wesen der Numan Retrospective 1977 sehr treffend auf. Nur der Satz mit dem „High und Low End Bereich“ wirkt leicht peinlich – denn mit „Low End“ sollte man sich, auch wenn es inhaltlich anders gemeint ist, gar nicht erst in Verbindung bringen. Dass es sich um eine leicht warm abgestimmte Box handelt, ist dagegen völlig richtig, sie verbreitet dadurch ein „Wohlgefühl“ beim Hörer. Dass der Lautsprecher im Hochtonbereich „Dampf“ macht, ist nicht korrekt – gottseidank nicht. Hier hält sich der Numan-Lautsprecher eher etwas zurück, was die Harmonie im Klangbild verdeutlicht. 

Konkurrenzvergleich

Die kleinere Numan Retrospective 1978 hatten wir schon im Test. Und sie konnte mit durchaus respektablen Leistungen aufwarten. Das typische 70er Jahre Design kommt bei der kleineren Variante noch besser zur Geltung, dafür hatten wir den 3-Wege-Lautsprecher in Schwarz und die Standbox Retrospective 1977 nun in brauner Holzimitat-Folierung, was zum Design noch besser passt. Klanglich bietet die Retrospective 1977 bei aller Fürsprache für die kleinere Variante deutlich mehr. Sie ist pegelfester, der Bassbereich ist runder und kräftiger, der Tiefgang ist besser und die Räumlichkeit bietet mehr Substanz und Tiefe. Wer also den Platz hat, investiert die 100 EUR Mehrpreis gut und greift gleich zur Retrospective 1977. 

Richtig Ärger macht wieder einmal der Teufel. Die Teufel Ultima 40 Mk2 ist ein äußerst unangenehmer Konkurrent. Im Design nicht an Retro-Vorbilder angelehnt, tritt die Ultima 40 Mk2 modern und gleichzeitig zeitlos auf. Sie ist akustisch in der Liga bis 500 EUR  nach wie vor das Maß aller Dinge – daran ändert auch die Retrospective 1977 nichts. Aber – mit dem liebevollen Retro-Design kann sie sich als gelungene Alternative für den, der das Besondere sucht, bestens in Szene setzten. Deutschlands meistgekaufte Standbox Ultima 40 Mk2 ist manchem vielleicht zu sehr „mainstream“ – und hier setzt Numan an. Im Bassbereich ist die Retrospective 1977 der Ultima 40 Mk2 sogar ebenbürtig – Respekt, eine tolle Leistung. Bedenkt man, dass Numan erst seit kurzem am Markt ist, beeindruckt diese Performance sehr. Noch mehr, wenn man bedenkt: Man spart gegenüber der Ultima 40 Mk2, die im Paar 500 EUR kostet, 160 EUR, rechnet man die Versandkosten mit ein. Den Mehrpreis ist die Ultima 40 Mk2 aber auf jeden Fall Wert, denn im Mittel- und Hochtonbereich profitiert die Ultima 40 Mk2 von Teufels jahrzehntelanger Erfahrung im akustischen Abstimmen. Fazit: Ihr Geld Wert sind beide Lautsprecher, wer den optimalen Sound für 500 EUR kaufen möchte, nimmt die Ultima 40 Mk2, wer das Besondere mit dem runden Bass sucht und viel Wert auf ein sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis legt, greift zur Numan Retrospective 1977. 

Von Heco kommt die Victa Prime 702 – für 299 EUR/Stück eine sehr gute Okkasion. Trotzdem – hier kostet ein Lautsprecher beinahe so viel wie bei der Numan Retrospective 1977 ein Paar. Und auch die Ultima 40 Mk2 ist deutlich preiswerter als die Pulheimer Box. Wie rechtfertigt die Victa Prime den Mehrpreis? Zunächst durch die gediegene Verarbeitung, mit schönem Sockel unter der Box, und einer eleganten Formensprache. Das ganze Gehäuse ist aufwändiger verarbeitet, hier merkt man schon einen Klassenunterschied, der den Mehrpreis rechtfertigt. Weder Numan noch Teufel sind verarbeitungstechnische Katastrophen, aber an die Victa Prime kommen beide nicht ran. Die Alu-Ringe um die Chassis, die exzellente Folierung – kauft das Auge mit, darf es gern die Heco sein. Akustisch beeindruckt, wie nah die Numan der Heco „auf die Pelle“ rückt. Gerade im Bassbereich kann der Lautsprecher aus Pulheim keinen Vorsprung vor dem Numan-Schnäppchen herausholen. Die Mitten haben etwas mehr Kontur bei der Prime, der Hochtonbereich ist ebenso wie bei der Numan leicht bedeckt. 

Fazit

Numan Retrospective 1977 Gruppenbild1

Für wenig Geld bieten die Numan Retrospective 1977 Lautsprecher nicht nur eine solide, sondern eine richtig gute Leistung. Eklatante Schwächen sind nicht auszumachen, was das ausgesprochen runde Testergebnis erklärt. Der kraftvolle Bassbereich und die tonal angenehme Auslegung sind große Pluspunkte der im Retro-Design auftretenden Schallwandler aus Berlin. Größte Ansprüche ans Finish darf man jedoch nicht stellen. Hier merkt man doch die Preisklasse, und zaubern kann auch Numan nicht. Dass akustisch der Hochtonbereich nicht über alle Maßen transparent und brillant auftritt, sollte in Anbetracht des Paarpreises von deutlich unter 400 EUR niemanden ernsthaft verwundern. 

Optisch attraktive, sehr angenehm und rund klingende Retro-Standlautsprecher zum kleinen Kaufpreis
ueberragend
Standlautsprecher bis 500 EUR/Paarpreis
Test 30. September 2015

+ Runder und angenehmer Klang
+ Kräftiger und recht präziser Bass
+ Gute Trennung von Stimmen und Instrumenten
+ Optisch mit konsequenter Retro-Optik durchaus gelungen
+ Preislich sehr fair kalkuliert

– Hochtonbereich etwas bedeckt
– Verarbeitung im Detail

Test: Carsten Rampacher
Fotos: Sven Wunderlich
Datum: 30. September 2015




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