TEST: Gigaset ME – Schickes Smartphone mit deutschen Wurzeln?

Endlich weht im Mobilfunk-Bereich wieder eine – wenn auch nur leichte – Prise deutscher Handwerkskunst ins Testlabor. Wir erinnern uns:  Anfang der 2000er war „Made in Germany“ auch im Mobiltelefonbereich noch ein Begriff und Siemens die Nummer 2 hinter Nokia in Deutschland. Nach der Übernahme von BenQ Mobile verschwand die Marke jedoch 2005 schnell vom Markt, sodass der Deal mit der BenQ-Tochter einen äußerst bitteren Beigeschmack hinterließ.

Umso erfreulicher – und überraschender – war daher das Siemens-Comeback auf der IFA, wobei die Produkte von der 2005 vom Konzern ausgegliederten Gigaset Communications GmbH stammen, die vor allem durch hochwertige DECT-Telefone seit Jahren Erfolge feiert. Allerdings stammt lediglich das Design des Smartphones aus Deutschland, die Entwicklung und Herstellung erfolgt komplett in China.

Die neue Produkt-Linie ME der Siemens-Tochter umfasst zum Start drei Premium-Smartphones: GIGASET ME Pure, GIGASET ME sowie GIGASET ME PRO – wir testen somit das Mittelklasse-Modell, wobei das ME aber alles andere als durchschnittlich ist, doch dazu später mehr.

Verpackung des Gigaset ME

Wie Mittelklasse sieht aber bereits die hochwertige Verpackung nicht aus: Der robuste Karton in gebürstetem Schwarz mit oranger Banderole macht Lust auf mehr. Im Inneren ist alles vornehm verpackt – selbst der Metallstift zum Öffnen des nanoSIM- & microSD-Slots. Apropos: Der Slot kann wahlweise für zwei SIM-Karten in Parallelbetrieb oder als Tandem für nanoSIM und einer Speicherkarte genutzt werden – clever. Auffallend ist aber besonders das edle Headset in Weiß, mit Ohrstöpseln aus Metall – schick!

Zwingend notwendig: Das beiliegende Ladegerät

Und noch etwas ist ungewöhnlich: Das Gigaset ME unterstützt nicht den Standard- microUSB-Slot, sodass man das Smartphone mit dem mitgelieferten (ebenfalls hochwertigen) Netzteil aufladen muss. „Schuld“ daran ist Quick Charge 2.0, das unter anderem ein längeres und dünneres Kabel sowie einen anderen Slot (USB Typ C) für einen schnelleren Ladevorgang erforderlich macht – insgesamt also ein Auftritt, der so oder so Eindruck hinterlässt.

Das Smartphone selbst ist ebenfalls durchaus ein Hingucker. Das in weißem oder schwarzem Lack erhältliche Gigaset ME weist einen Rahmen aus Edelstahl auf und ist auf der Vor- und Rückseite durchgehend mit Gorilla Glass überzogen, alle Metalltasten und die Lautsprecher sind seitlich platziert. Insgesamt strotzt das Gerät dadurch vor Robustheit und reduzierter Eleganz, zumal das Kameraobjektiv und der Fingerprintsensor komplett integriert sind. Einziger Makel: Trotz hartem Glass hinterlassen stärkere Fingerabdrücke schnell schwarze Flecken.

Das ME bietet einen 5-Zoll-LCD-Touchscreen mit Full-HD-Auflösung (1.080 x 1.920 Pixel) – da geht Gigaset also auf Nummer sicher. Technisch bedingt ist die Farbsättigung nicht so eindrucksvoll wie bei einem OLED-Vertreter, doch dafür überzeugt das Display durch eine sehr gute Bildruhe, knackige Schärfe und hoher Helligkeit. Schade nur, dass Weißanteile stets leicht grau wirken. Insgesamt aber ein Auftritt, der der Preisklasse angemessen ist.

Seitliche Ansicht

Bereits das „Mittelklasse-Modell“ bietet im Grunde Vollausstattung: Ein schneller und recht präzise arbeitender Fingerprintscanner und flottes LTE Cat6. Sogar noch eine Infrarot-Schnittstellte, damit das Smartphone auch als Multifernbedienung fungieren kann. Zudem zwei SIM-Karten-Slots sowie sogar ein Puls- und Ultraviolettmesser, der die Intensität der Sonnenstrahl einschätzt. Via „Health“-App kann man somit unter anderem seine Schritte zählen lassen und Fitness-Programme erstellen – die volle Packung also!

Auch die Kamera ist opulent ausgestattet: Der rückseitige Knipser löst mit bis zu 16-Megapixel auf und wird von einem Doppel-LED-Blitz unterstützt. Videoclips lassen sich in maximal 2k-Auflösung (4.608 x 3.456 Pixel) aufnehmen – auf Wunsch sogar mit Zeitraffer oder in Zeitlupe. Überdies gibt es noch eine Frontkamera mit stattlichen 8 Megapixel. Im Zusammenspiel mit vielen Einstellungsmöglichkeiten und Saphirglas-Linsen hat Gigaset somit ein üppiges Paket geschnürt.

Rückseite

Gigaset ME Foto

Aufgenommen mit dem Gigaset ME

Im Praxistest offenbart der Knipser jedoch Schwächen, denn bei schwachem Licht und Kunstlicht sowie in Kombination mit weiteren Distanzen verliert die Kamera schnell den Faden, sodass Schnappschüsse verwaschen aussehen und der Blitz eher kontraproduktiv arbeitet. Hier zeigt sich, dass den Münchnern noch die Erfahrungen fehlen. Gut gelöst dafür: Die Fingerabdruck-Taste kann auch als Auslöser genutzt werden.

Nutzern stehen von den 32 GB rund 25 GB zur freien Verfügung, wobei aber die microSD-Karte für ausreichend Flexibilität sorgt. Die vorinstallierten Apps sind zwar recht überschaubar, dafür aber gut gewählt: eine Energiespar-App, Smart Remote für die Infrarotschnittstelle, ein Fitness-Programm sowie die sehr nützliche App für den schnellen Adressaustausch mit GIGA-Telefonen. Fehlt da überhaupt irgendetwas? Ja, leider die NFC-Schnittstelle.

Gute Idee: Als Orientierung ist die komplette Schutzhülle beschriftet. So erfährt der frisch gebackene Käufer bereits vieles über die Ausstattung – und wo die nanoSIM hingehört. Dieser Service darf ruhig Schule machen.

Gigaset ME Screenshot

Screenshot Android 5.1

Ausgeliefert wird das Gerät mit Android 5.1, wobei ein zeitnahes Update auf Android 6.0 bereits offiziell bestätigt wurde. Entsprechend vertraut ist die Menüführung, wobei das grafische User Interface von Gigaset auf schwarz/weiß Töne setzt, wodurch das schlichte Erscheinungsbild stilvoll und elegant anmutet.

Weniger schlicht sind die Hauptmenüs, da es wie bei Huawei kein App-Sammelbecken (App-Drawer) gibt. Alle vorinstallierten Apps sind mehr oder weniger sinnvoll verteilt. Diese Politik ist reine Geschmackssache. Bei den Short Cuts belässt es Gigaset auf ein erweitertes Pull Down Menü, sodass die Menüführung insgesamt eher schlank ausfällt.

Die einzige Auffälligkeit ist das andere Layout bei der Zahlentastatur in Blockform, was wir für keine schlechte Entscheidung halten. Weniger gut sind die Probleme beim Kippen des Displays ins Querformat, sodass Texteingaben mitunter erschwert werden. Das Arbeitstempo ist dafür durchgehend gut.

Satte 3 GB Arbeitsspeicher, 8-Kern-Prozessor Qualcomm Snapdragon 810 sowie eine zügige Taktung von bis zu 1,8 GHz versprechen eine lupenreine Performance. Das ist auch im Großen und Ganzen der Fall, wobei gelegentliches leichtes Ruckeln offenbaren, dass das Zusammenspiel mit der Software noch nicht 100% funktioniert.

Der 3.000 mAh große Akkublock ist fest verbaut und macht ebenfalls Hoffnung auf eine gute Rufbereitschaft. Auch hier fällt der Praxistest solide aus, denn eine Rufbereitschaft von rund drei bis vier Tagen ist angesichts der Ausstattung ein zufriedenstellender Wert. Die Messwerte bei Dauerbelastung sind ebenfalls gut, denn der Nutzer könnte – theoretisch – rund sieben Stunden lang Videoclips schauen.

Der Bereich Sprachqualität ist leider, leider ein ziemliches düsteres Kapitel beim Gigaset ME. Tatsächlich klingt der Gesprächspartner in der Regel dermaßen weit entfernt, blechern und unangenehm kratzig, dass man einen Defekt vermutet. Da andere Erfahrungsberichte aber auch diesen Punkt kritisieren, muss man resümieren: Hier ist dem Hersteller ein ärgerlicher Produktionsfehler unterlaufen.

Auch nicht optimal steht es um die Lautsprecher. Zwei große Speaker befinden sich – leider – am Gehäuseende, sodass Zocken im Querformat keine akustische Freude aufkommen lässt, zumal die Lautsprecher bei hoher Lautstärker anfangen zu scheppern. Im normalen Betrieb ist der Klang aber klar, recht sauber gestaffelt und mit einem kleinen Bassfundament garniert.

Fazit

Die miese Sprachqualität ist leider nicht wegzudiskutieren, da sie schlichtweg sehr störend ist. Das Gigaset ME hat einen tollen optischen Auftritt, eine luxuriöse Rundum-Ausstattung und das ein oder andere Extra, um sich vom Smartphone-Allerlei abzuheben. Von den Verständigungsproblemen mal abgesehen ist die Kameraqualität aber ebenfalls nicht gut genug, um mit der aktuellen Elite mithalten zu können. Als aktueller Ausrüster der FC Bayern-Spieler hat das Unternehmen zwar einen starken Werbepartner zur Hand, doch angesichts dieser gravierenden Schwäche glauben wir nicht daran, dass Thomas Müller & Co wirklich glücklich mit dem Gigaset ME sind – leider.

Schade: Die schlichtweg enttäuschende Sprachqualität verhindert einen Durchmarsch an die Spitze
areadvd_gut
23.02.2016

 

+ Luxus-Ausstattung
+ Hochwertige Verarbeitung
+ Viele Extras

– Schlechte Sprachqualität
– Kein Standard-USB-Anschluss
– kein NFC

 

Test: Ulf Schneider
Datum: 23.02.2016




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