TEST: HTC Desire 820 – 5,5 Zoll Smartphone mit 64-Bit-Architektur

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Turbomotor zu einem moderaten Preis: Die Taiwaner stellen das erste Smartphone mit 64-Bit-Architektur vor. Der Härtetest offenbart, ob der Fernöstler seinen CPU-Trumpf auch ausspielen kann.

Tim Cook hatte keine Chance in die großen Fußstapfen vom Apple-Guru Steve Jobs zu treten – und hat sie genutzt! Statt auf Visionen setzt der Analytiker auf knallharte Zahlen und Fakten, und die waren eindeutig: Wer auf dem aktuellen Smartphone-Markt etwas reißen will muss buchstäblich wachsen. Resultat: Die jüngsten iPhone-Modelle 6 und 6 Plus sind die mit Abstand beliebtesten in der Historie.  Allein im 4. Quartal 2014 hatte der US-Hersteller nach eigenen Angaben etwa 75 Millionen Geräte verkauft – noch Fragen? Dass 5-Zoll plus X auch in der gehobenen Mittelklasse mittlerweile Standard  geworden ist, beweist auch HTC mit diesem Desire-Modell.

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Seitliche Ansicht

Die Taiwaner folgen der Desire-Tradition und setzen auf Hartplastik mit dezenten Farbnuancen durch einen blauen oder orangefarbigen Rand. In Kombination mit der Dunkelgrauen oder Weißen Hülle grenzt sich das HTC Desire 820 optisch von vielen Smartphones im schlichten Schwarz ab. Aufsehen erregt der Fernöstler auch durch das Format, denn das Smartphone beherbergt einen stattlichen 5,5-Zoller und geht daher locker als Phablet durch. Positiv: Das Konzept der Front-Stereolautsprecher hat dieses Modell glücklicherweise von der One-Serie übernommen. Ob das allerdings auch auf die Qualität zutrifft, kommt später zur Sprache.

Der Polycarbonat -Unibody wirkt auch ohne Metalleinsatz wie aus einem Guss, was vor allem daran liegt, dass Sämtliche Slots komplett versiegelt sind. Eine IP67-Zertifizierung für einen „Freischwimmer“ hat das Smartphone allerdings nicht, obwohl der Akku fest verbaut ist.

Der Touchscreen bietet auf 5,5 Zoll „nur“ 1.280 x 720 Pixel und somit kein FullHD. Das fällt aber im Alltag kaum auf, zumal die Macher gegenüber dem vorherigen Desire-Modell noch fleißig an der Qualität geschraubt haben. Deaktiviert man die Auto-Einstellung liefert das Display ein sehr helles Bild und auch in der Kategorien, Farbwiedergabe und Schärfe ist der Daumen nach oben, wenn man einen Blick auf den Kassenbon wirft, denn der Online-Preis liegt bei nur rund 329 Euro.

HTC Desire 820 Foto

Aufgenommen mit dem Desire 820

Spätestens seit dem HTC Desire EYE weiß man, dass die Taiwaner viel Wert auf die Kameraqualität in beide Richtungen legen, und das Desire 820 bildet da keine Ausnahme. Die rückseitige 13-Megapixel-Kamera mit dem auffällig großen Objektiv und LED-Licht überrascht bei widrigen Lichtverhältnissen mit einer hohen Empfindlichkeit, sodass Fotos auch bei mittleren Distanzen noch vernünftig ausgeleuchtet sind. Allerdings verrauschen auch hier die Schnappschüsse schnell und sind zum Bildrand nicht sonderlich scharf. Dennoch: Im direkten Vergleich zu anderen Smartphones dieser Preisklasse liefert dieser Knipser eine vergleichsweise gute Qualität. Bei Tageslicht-Aufnahmen gelingen sogar Fotoalbum taugliche Bilder mit einer hohen Trefferquote, was vor allem am guten und schnellen Autofokus und natürlicher Farbwiedergabe liegt. Auf der Frontseite gelingen zwar Nachaufnahmen deutlich schwieriger, da keine Fotolicht-Unterstützung vorhanden ist, doch dank 3.264 x 2.448 Pixel Auflösung (8 Megapixel) und einer darauf abgestimmten Bildbearbeitungssoftware sind auch hier gute Selfies die Regel – und die brauchen bekanntermaßen keine großartige Blitz-Unterstützung.

Liegt es auch am Power-Prozessor? Auffällig beim Datenblatt ist die hohe Diskrepanz zwischen dem internen und dem freien Speicherplatz. Üppige 16 GB sind verbaut, doch davon stehen dem Nutzer gerade einmal 8 GB zur freien Verfügung. Zum Glück sorgt die microSD-Karte bei Bedarf für mehr Flexibilität (bis zu 128 GB).

Ansonsten brennt das Desire 820 das gehobene Standardprogramm ab, inklusive schnellem LTE Cat-4. Besondere Fähigkeiten liegen allerdings nicht vor und das W-LAN beherrscht zudem nicht den aktuellen ac-Standard.

 HTC Desire 820 Screenshot

Benutzeroberfläche

HTC fordert den Besitzern beim Einstieg sehr viel Geduld ab, denn es vergehen zahlreiche Einstellung und Abfragen, bis das Smartphone erstmals einsatzbereit ist. Vor allem HTC und Google möchten vieles Wissen, was etwas nervig ist.

Organisiert wird der Fernöstler durch Android 4.4.4 und das User Interface  HTC Sense 6.0. Man merkt schnell, dass dieses Tandem ein eingespieltes Team ist, denn die Nutzerführung ist gut aufeinander abgestimmt, die Personalisierungsmöglichkeiten sind zahlreich und mit BlinkFeed steht auch wieder der (häufig kopierte) interaktive Newsletter zur Verfügung, der mit Wunschthemen und Social Media Posts gefüllt wird – natürlich auch Facebook, was bei vielen Smartphones nicht mehr ab Werk zur Verfügung steht.

HTC Desire 820 BlinkFeed

Blinkfeed

Abgerundet wird das stimmige Bedienungskonzept durch eine ausgeklügelte Sprachsteuerung, sinnvolle Shortcuts, einer virtuellen Menüleiste und einem durchgehend hohem Arbeitstempo.

Alles schön und gut also? Nicht ganz: So gibt es zwar zahlreiche Widgets, doch die Möglichkeit eine Kontakt-Direktwahl im Startbildschirm festzulegen ist auch bei diesem HTC-Smartphone nicht möglich. Warum auch immer.

Schlagzeile Nummer 1 dieses Smartphones ist auf alle Fälle der neue Qualcomm Snapdragon 615 mit seiner 64-Bit-Architektur. Das klingt beeindruckend, doch leider fehlt dem CPU-Monster das nötige „Beiwerk“. So liegt die Taktung der acht Kerne, zur Hälfte bei maximal 1,0 GHz, während das andere Quartett mit immerhin 1,5 GHz getaktet ist. Noch schwerwiegender ist der untermotorisierte 2 GByte Arbeitsspeicher, denn solch ein Motor kann locker das Doppelte gebrauchen. Da offensichtlich auch das Zusammenspiel mit der (veralteten) Android-Software noch nicht rund läuft, passiert es im Alltag mitunter sogar, dass die Handbremse angezogen wird – zumindest im Kameramodus. Im Alltag erledigt das Smartphone aber in der Regel sämtlichen Aufgaben fix. Dennoch: Das Potential wird beileibe nicht ausgeschöpft. Vielleicht würde das ein Android 5.0-Update ändern.

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Rückseite

Beim ersten Test der Rufbereitschaft war das Ergebnis leider zutiefst unterdurchschnittlich, denn bereits nach drei Tagen war Schluss mit dem Empfang. Erst nach der Aktivierung des Sparmodus streckte sich die Laufzeit auf immerhin vier bis fünf Tage. Dafür muss der Nutzer allerdings deutliche Abstriche bei der Displayhelligkeit machen. Es gibt übrigens auch einen „Extremen Energiesparmodus“ für den Notfall. In diesem Modus beschränken sich die Funktionen nur auf das Wichtigste.

Die beiden großen Frontlautsprecher machen Hoffnung auf ein gutes Klangerlebnis, und glücklicherweise enttäuscht das Tandem auch nicht: lebendig, recht differenziert und mit einer soliden Niederfrequenzwiedergabe. Im direkten Vergleich zum One M8 arbeitet es allerdings nicht so sauber und bassstark – aber irgendwo muss ja auch schließlich gespart werde. Apropos: Das beigelegte Headset ist schlichtweg billig. Dennoch: Unter dem Strich lässt das  HTC Desire 820 im punkto Sound 90% aller Smartphones locker hinter sich.

Telefonieren ist zwar nicht ganz so das Aha-Erlebnis, aber auch hier liegt die Stimmwiedergabe über dem Schnitt, denn auch wenn man lauter stellt ist der Gesprächspartner gut verständlich und die Nebengeräusche kaum vorhanden.

Fazit

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64-Bit-Architektur, 5,5 Zoll Display und eine hochwertige 13-/8-Megapixel-Kameras – das HTC Desire 820 bietet einige Ausstattungsmerkmale, die man ansonsten nur die obersten Smartphone-Gilde findet. Es ist allerdings schade, dass der Power-Prozessor mitunter konterproduktiv ist und sein Potential nicht voll ausspielen kann solange nicht Android 5.0 installiert ist. Vom Preis/Leistungsverhältnis gibt es aber derzeit nur wenige Geräte, die mit diesem Taiwaner mithalten können, vor allem wenn es um die Multimedia-Qualitäten geht. Einzige Ausnahme: Das Huawei Ascend G7 ist sogar noch günstiger und weist einen schnelleren LTE-Chip auf. Es scheint also, dass die Chinesen stets eine preisaggressive Antwort parat hat.

Mittelklasse-Protzer, der allerdings etwas unter seinen Möglichkeiten arbeitet.
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Smartphones Mittelklasse
05.02.2015

+ Großes Display
+ Hochwertige Kameras
+ 64-Bit Prozessor

– Akku fest verbaut
– Durchschnittliche Akkulaufzeit

 

Test: Ulf Schneider
Fotos: Sven Wunderlich




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