TEST: Ultrasone In-Ear-Kopfhörer Saphire - oberbayerische Revolution mit sechs Treibern für knapp 3.000 EUR?

Ein In-Ear-Kopfhörer mit Kabel für 3.000 EUR? Zunächst ist man gewillt, den Kopf zu schütteln, wenn man das erste Mal vom Saphire aus der oberbayerischen Ultrasone-Manufaktur hört oder liest. Vor allem auch deshalb, weil In-Ears meist für den mobilen Einsatz verwendet werden und man erst einmal ein mobiles Device finden muss, das diesem Highend-Produkt gewachsen ist. Oder braucht man das gar nicht? Klingen die Ausnahme-In-Ears schon zusammen mit einem normalen mobilen DAC gut? Exakt dieser Frage gingen wir im Test nach.

Mit einem normalen In-Ear-Kopfhörer, dass verdeutlicht bereits die Beschreibung der konstruktiven Maßnahmen, die allesamt Platz in den Mini-Gehäusen der Earbuds fanden. Der "Saphire" vereint sechs Treiber und vier Wege, da stellt sich schon ein gewisser "WOW!" Effekt ein. Und die ohnehin schon hohen akustischen Erwartungen an ein Premium-Produkt steigen weiter. Gerade, was die Detaillierung sowie die Trennung unterschiedlicher akustischer Ebenen angeht, wäre alles andere als ein neuer In-Ear-Maßstab eine Enttäuschung.

Saphire ohne Ohrpassstück. In dieser kleinen Einheit arbeiten sechs (!) Treiber.

Wir möchten natürlich auch die Frage beantworten, was für Treiber denn in diesem exklusiven Paket enthalten sind: Sechs Treiber und vier Wege hatten wir erwänt- was für ein Setup. Während die Konkurrenz häufig einen einzelnen dynamischen Treiber, der bei Detailwiedergabe und Auflösung Kompromisse eingehen muss, um einen oder zwei Balanced-Armature-Treiber ergänzen, geht Ultrasone hier einen völlig anderen Weg. Eine Kombination aus insgesamt sechs BA- und elektrostatischen Treibern, auf vier Wege verteilt, sollen ein einzigartig detailliertes Klangbild liefern. Darüber hinaus tiefe und präzise Bässe durch zwei BA-Treiber im Tieftonbereich, fein aufgelöste Mitten und Höhen durch je einen BA-Treiber für Mittel- und Hochton sowie als besonderer Clou zwei Elektrostaten als Superhochtöner. Das erklärt den exorbitanten Preis schon besser.

Der Karton

Nach dem Auspacken 

In dem weißen Tütchen befinden sich drei Paar Silikon-Ohrpassstücke

Kabel mit konventionellem 3,5 mm Klinkenstecker

Weiteres Kabel mit symmetrischem Stecker

Edle Verarbeitungs- und Materialqualität 

Mit Ohrpassstücken

Natürlich darf man hier eine Verarbeitungs- und Materialqualität der Luxusklasse erwarten: Massives Vollaluminiumgehäuse mit verschromten Logo-Emblems aus Edelstahl wäre hier zu nennen. Was die Edelstahl-Flächen, die hochglänzend sind, anbetrifft: Hier muss man nur schauen, dass man keine störenden Kratzer erzeugt. Ganz unempfindlich ist das Material jedenfalls nicht. Die Verpackung wirkt für ein solches Produkt allerdings entschieden zu billig. Gerade von Ultrasone hätten wir hier mehr erwartet. Schöne, lederbezogene Cases oder auch kleine Metall-Köfferchen haben wir hier schon gesehen. Aber außen ein normaler Karton, und innen ein eher preisgünstig wirkendes Case zur Aufbewahrung: Unser Herz lässt das nicht höher schlagen. Die beiden unterschiedlichen mitgelieferten Kabel (2 verschiedene Anschlüsse, herkömmlicher 3,5 mm Klinkenstecker und symmetrischer Stecker) sind von hoher Qualität, wie man es auch erwarten kann. 

Saphire im Case

Detail am Kabel

Der Lieferumfang umfasst, wie schon teilweise erwähnt, Kabel für den symmetrischen und asymmetrischen Betrieb, die jeweils mit goldbeschichteten 2-Pin-Steckern ausgestattet sind. Eine entsprechende Auswahl an Ohrpassstücken aus Silikon (3 Größen) sowie Comply Foam Tips (3 Größen) sollen bei der Anpassung an das eigene Ohr behilflich sein. Außerdem dabei: ein Mikrofasertuch, ein Reinigungswerkzeug und ein Case.

Wie bei vielen anderen Komponenten aus dem Hause Ultrasone gilt auch beim Saphire die Fertigung von der ersten Skizze bis zur finalen Produktion auf dem Gut Raucherberg in Bayern. Trotz der vielen und sehr kleinen Bauteile wird die Komponente hier gefertigt. Beim Saphire gewährt Ultrasone 5 Jahre Garantie, die mitgelieferten Kabel sind 2 Jahre abgesichert.

Nun sind wir gespannt, denn die Klangtestreihen beginnen jetzt. Kann der Edel-In-Ear-Kopfhörer seinen immensen Preis rechtfertigen?

Klang

Wir starten mit dem Auftakt zu Johann Sebastian Bachs weltberühmtem Weihnachtsoratorium - um auch der Zeit zu huldigen, in der wir uns aktuell befinden. Am Anfang, als die Pauken zu hören sind, wünschen wir uns mehr Nachdruck. Dann aber profiliert sich der Saphire ungemein. Fein, brillant, aber selbst bei deutlich gehobenem Pegel nie aggressiv: Da merkt man schon die Klasse des Saphire deutlich. Auch der Gesang des Chors kommt differenziert, mit sehr guter Gesamt- und ebenfalls sehr guter Feindynamik heraus. Der Ultrasone Saphire, das wird schnell deutlich, klingt zum einen ungemein angenehm, zum anderen jedoch extrem kultiviert und detailliert. Wir hätten einen "anstrengenderen" Klang vermutetet, der, koste es, was es wolle, stets auf enorme Brillanz und auf einen eher dominant ausgelegten Hochtonbereich ausgerichtet ist. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die Höhen sind mit toller Räumlichkeit und erstklassiger Strahlkraft versehen, neigen aber nie dazu, störend zu wirken. Und diese Auslegung ist wahrhaftig meisterhaft. Jedes einzelne Instrument ist exakt am richtigen Platz, zugleich aber ist die Harmonie, wenn das gesamte große Orchester aufspielt, überragend. Die Streicher agieren lebendig, zugleich harmonisch, lassen es nie an Durchzeichnung fehlen. Die zahlreichen akustischen Ebenen werden nahezu komplett dargestellt, der räumliche Eindruck ist authentisch und zugleich so gut, wie wir es noch nie bei einem In-Ear-Kopfhörer erlebt haben. 

Exzellent kommen die Glöcken zu Beginn von Mariah Carey "All I Want For Christmas Is You" heraus. So ein aufgelöst, das ist schlichtweg sensationell. Auch Mariahs Stimme hat ein Charisma, das seinesgleichen sucht. Das Auflösungsvermögen des Saphire über den gesamten Frequenzbereich ist grandios. Wichtig nur, dass man die exakt passenden Ohrstücke heraussucht - denn hält der Luxus-Kopfhörer nicht richtig im Gehörgang, darf man sich über einen nicht voll zufriedenstellenden Sound nicht wundern. Der Ultrasone In-Ear spelt auch in diesem Stück die Rolle des Präzisionswerkzeugs, das auf einen besonders nachdrücklichen Bass keinerlei Wert legt. Perfekt für den HiFi-Gourment und Hi-Res-Fan, wer unter einem Hörerlebnis eher einen extrem kraftvollen Bass und ein enormes Volumen versteht, liegt hier falsch und kann sich die knapp 3.000 EUR sparen. 

Aber natürlich - "Last Christmas" von Wham darf in unseren Checks nicht fehlen. Und wieder sind es Auflösungsvermögen, Gesamtpräzision und das Charisma in Georges Stimme, die ohne Abstriche begeistern. Obwohl es nicht einmal besonders hochwertiges Quellmaterial ist, ist die Wiedergabe überwältigend. Das hätten wir nicht gedacht, denn oft klingen durchschnittliche Aufnahmen auf sezierenden Edel-Komponenten grottenschlecht. Immer die selben Sprüche vernimmt  man dann als Begründung von den sogenannten "wahren HiFi-Fans": "Naja, wenn die Aufnahme nicht gut ist, MUSS das die Komponente doch auch zeigen, denn sie ist einfach neutral und präsentiert das, was die Quelle hergibt." Klar, das ist schon etwas Wahres dran. Und niemand erwartet von durchschnittlichen Aufnahmen plötzlich eine klangliche Sensation. Aber, und auch das ist unbestritten, der Großteil aller Aufnahmen ist eben nicht erstklassig abgemischt. Purer Durchschnitt, das lässt sich über viele Quellen qualitativ sagen. Wie man es richtig macht, beweist der Saphire, der auch durchschnittliche Aufnahmen richtig gut klingen lässt, Respekt dafür. Der In-Ear ist keine "launische Diva", sondern ein harter Arbeiter, der immer - mit Erfolg - sein Bestes gibt.

Nun muss der In-Ear bei der Basswiedergabe Farbe bekennen: "Paradise" von Bazzi in Hi-Res-Qualität steht an. Und im Song enthalten ist ein hartert, zugleich tiefer Bass. Und wir ziehen den Hut vor dem Ultrasone: Ohne künstlich aufzudicken, wird der harte Bass mit herausragendem Tiefgang zur Geltung gebracht. Die Trennung von Stimme und dem Rest des Klangbilds ist erstklassig, die Stimme hat allzeit klare Konturen und überzeugt durch eine räumlich glaubwürdige Darstellung. Wechsel im Rhythmus arbeitet der In-Ear aus Oberbayern mit einer kaum zu schlagenden Impulstreue heraus. Überhaupt, das Raumgefühl: Man ist geneigt, zu vergessen, dass es sich hier um einen In-Ear-Kopfhörer handelt. Und diese sind nicht wirklich für eine authentische Räumlichkeit bekannt.

Weiter geht es mit "Natural" (Hi-Res) der Imagine Dragons. Und wieder ist es die Stimme, die uns sofort hat: So direkt, unverfälscht, feindynamisch hervorragend modelliert, steht sie mitten in einem virtuellen Raum, der in allen Dimensionen realistisch wirkt. Der Bass überzeugt durch Präzision: Nur selten haben wir ihn so genau auf den Punkt kommend gehört. Was die Wucht angeht: Ja, da könnte noch mehr vorhanden sein. Aber diese unglaublich exakte Art der Wiedergabe des Saphire fesselt auch so. 

Es folgt, wieder in Hi-Res, Affliction von Tiesto, Zaxx und Oliviera. Kann der eddle Oberbayer auch mit Club-Tracks bestechend gut umgehen? Wir hören hinein und stellen fest, dass gleich zu Beginn schon wieder das weitläufige räumliche Gefühl von allergrößter Güte ist. Jede Einzelheit des Aufbaus gibt der Saphire impulstreu wieder und formt aus allem ein homogenes klangliches Gebilde, das auch bei höheren Lautstärken nichts von der absoluten Souveränität einbüßt. Hier erbrignt der Saphire auch im Bassbereich eine exorbitant gute Leistung: Tiefgang, Fundament, Einarbeitung in den akustischen Zusammenhang: Überall Höchstnoten. 

"Land Of Confusion" in der Cover-Version von Disturbed beweist, dass der Saphire mit nahezu allen Musikstilen exzellent umgehen kann. Die Wucht, die Schubkraft, die sich der Fan hier wünscht, entfaltet das Ausnahmetalent absolut gelassen und mit faszinierender Wirkung. Die aufwändige Konstruktion des In-Ear-Kopfhörers ermöglicht auch hier wieder ein enormes Maß an akustischem Differenzierungsvermögen, eine überwältige Grobdynamik und eine feine Trennung aller vorhandenen akustischen Ebenen. Der Rhythmus wirkt wie in Stein gemeißelt, das feste, klare und kraftvolle Fundament begeistert immer wieder. 

Fazit

Fast 3.000 EUR für einen In-Ear-Kopfhörer ist schon eine gewaltige Menge an Geld. Der extreme konstruktive Aufwand hilft aber, diese Summe, die für den Saphire fällig wird, zu erklären. Sechs Treiber, vier Wege, und das alles in einem extrem kleinen Gehäuse verpackt - die Bezeichnung "Meisterwerk" ist hier ohne Zweifel angebracht. Das Finish ist äußerst edel, die Materialqualität erstklassig. Hier wird der Saphire seinem Premium-Anspruch gerecht. Keine wirkliche Begeisterung vermag das Case zu wecken. Apropos Begeisterung: Wie lief denn der Test aus akustischer Perspektive? Hier können wir auch Superlative aufffahren, ohne dass die Nase wächst wie bei Pinocchio: Räumlichkeit, Auflösungs- und Differenzierungsvermögen sind auf unglaublich hohem Level. Hier wird ein Standard erreicht, den man bei einem In-Ear-Kopfhörer eigentlich für undenkbar hielt. Was bleibt als Quintessenz aus diesem Test zurück? Der Saphire bestätigt ohne Kompromisse die enorm hohen Erwartungen, die wir an ein Produkt dieser Preisklasse hatten. Das gilt für Klang und auch fürs Finish. Allerdings ändert das nichts an der Tatsache, dass der Preis schlicht extrem hoch liegt, gerade für einen In-Ear. Bei einem Over Ear-HiFi-Kopfhörer, geschaffen für den Einsatz zuhause, lassen sich solche enormen Kosten, wie wir finden, besser verargumentieren. Hier offerieren die Oberbayern von Ultrasone im Übrigen auch ein exzellent bestücktes Portfolio.

Sündhaft teurer In-Ear-Kopfhörer mit phänomenaler Räumlichkeit und überwältigendem Auflösungsvermögen

In-Ear-Kopfhörer Luxusklasse
Test 01. Januar 2021

 

Test und Fotos: Carsten Rampacher
Datum: 01. Januar 2021

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