SPECIAL: Interview mit VP of Technology Dr. Jack Oclee-Brown von KEF zur neuen XIO Soundbar

Nach unserem Test der neuen, leistungsfähigen Premium-Soundbar XIO von KEF (hier geht es zum Testbericht!) hat uns der britische Hersteller eingeladen, noch etwas tiefer in die Materie der integrierten Technologien und Komponenten einzusteigen. Teils wurden diese komplett neu designt, einige basieren aber auch auf renommierten, bereits aus anderen Produktkategorien bekannten Technologien, die für die XIO Soundbar speziell angepasst oder miniaturisiert wurden.
In diesem Rahmen hatten wir die exklusive Gelegenheit, mit Dr. Jack Oclee-Brown zu sprechen, der maßgeblich für die Produktentwicklung der ersten und bislang einzigen KEF-Soundbar verantworlich war. Die XIO ist aber bei weitem nicht der erste Wurf des bekannten Akustikexperten und Entwicklers. Dr. Jack Oclee-Brown ist bei KEF der Vice President of Technology, leitet also das Forschungs- und Entwicklungsteam am Firmenstandort in Maidstone im Vereinten Königreich.

Dr. Jack Oclee-Brown ist VP of Technology bei KEF
Er hat Akustik-Ingenieurwesen an der Universität von Southampton studiert und im Jahr 2012 dort auch promoviert, war aber zu diesem Zeitpunkt parallel bereits bei KEF beschäftigt. Die Promotion befasste sich mit Kompressionslautsprechern, auch kann Dr. Oclee-Brown bereits verschiedene Fachveröffentlichungen, auch im Rahmen der Audio Engineering Society, vorweisen.
Dr. Oclee-Brown ist für die Entwicklung und Optimierung von KEFs Schlüsseltechnologien die erste Anlaufstelle im Unternehmen. Dazu zählen natürlich die Uni-Core-Treiber, die Metamaterial-Absorptionstechnologie (MAT) sowie auch die Tangerine Waveguide-Struktur. Persönlich bevorzugt er einen neutralen, originalgetreuen, aber nicht zu analytischen Sound, der den Zuhörer auch emotional mitnehmen soll. Außerdem setzt er und ist überzeugt von der Kombination aus Messdaten und kritischem Hören, um klangliche Feinheiten gezielt optimieren zu können.

Mit der neuen XIO Soundbar steigt KEF in ein hart umkämpftes Marktsegment ein
Doch genug zur Person, steigen wir direkt ein ins Interview:
AREA DVD: KEF ist seit Jahrzehnten als renommierter Hersteller hochwertiger HiFi-Lautsprecher bekannt. Was hat den Ausschlag gegeben, nun mit der XIO in den stark umkämpften Soundbar-Markt einzusteigen?
Dr. Oclee-Brown: Wir möchten den typischen KEF-Klang für möglichst viele Menschen zugänglich machen. In der Regel bestehen unsere Produkte aus Stereo-Systemen mit zwei oder mehr Lautsprechern – ein Format, das HiFi-Enthusiasten sehr vertraut ist. Es gibt jedoch eine ganze Generation von Menschen, für die dies nicht mehr die übliche Art des Musikhörens ist – und die ein solches Setup auch kaum in ihren Wohnräumen unterbringen könnten. Selbst bei audiophilen Kunden gibt es Situationen, in denen ein traditionelles Lautsprechersystem aufgrund von Platz oder persönlicher Präferenz nicht praktikabel ist. Die XIO soll diesen Kunden ein kompromissloses KEF-Klangerlebnis bieten.
AREA DVD: Die XIO richtet sich nicht nur an Technikliebhaber, sondern auch an designaffine Nutzer mit hohen klanglichen Ansprüchen. Für welches Nutzerprofil und welche Zielgruppe wurde die Soundbar konkret entwickelt?
Dr. Oclee-Brown: Wir hoffen, dass die XIO sowohl für klassische HiFi-Kunden attraktiv ist, die sich eine Soundbar mit deutlich höherer Klangqualität wünschen, als auch für Menschen, die normalerweise keine HiFi-Geräte kaufen würden, aber dennoch auf der Suche nach außergewöhnlichem Klang sind.
AREA DVD: Wie unterscheidet sich die Entwicklungsphilosophie und das konzeptionelle Vorgehen bei der XIO von dem klassischer KEF-HiFi-Systeme?
Dr. Oclee-Brown: Das Ziel der XIO ist es, ein unverfälschtes KEF-Klangerlebnis zu liefern. Daher greifen viele der Grundprinzipien unserer HiFi-Produkte auch hier: geringe Verfärbung, großer Frequenzumfang, kontrollierte Richtwirkung und ein vibrationsarmes Gehäuse. Der große Unterschied liegt jedoch in der Bauform – die Soundbar stellt eine besondere Herausforderung dar, die spezielles Engineering erfordert.

In der XIO Soundbar setzt KEF auf neue Uni-Q MX Treiber
AREA DVD: In der XIO kommen mehrere zentrale KEF-Technologien zum Einsatz, etwa Uni-Q MX, VECO, P-Flex und die Music Integrity Engine for Cinema. Wie schwierig war es, all diese Systeme in einem einzigen, kompakten Gehäuse zu integrieren – und wo lagen die größten Herausforderungen?
Dr. Oclee-Brown: Die Entwicklung der XIO war besonders anspruchsvoll, da zahlreiche neue Technologien und Funktionen in begrenztem Raum untergebracht werden mussten. Wie man sich vorstellen kann, war das Entwicklungsteam entsprechend groß und interdisziplinär aufgestellt – mit Experten in unterschiedlichen Zeitzonen. Die wohl größte Herausforderung bestand darin, all diese Beiträge zu einem stimmigen Gesamtprodukt zu koordinieren und zu integrieren.
AREA DVD: Die neuen Uni-Q MX-Treiber wurden speziell für das kompakte Soundbar-Format entwickelt. Ging es dabei hauptsächlich um eine Verkleinerung bestehender Uni-Q-Treiber, oder waren weitergehende ingenieurtechnische Maßnahmen erforderlich?
Dr. Oclee-Brown: Damit die XIO ein echtes KEF-Produkt sein kann, war der Einsatz eines Uni-Q-Systems unverzichtbar. Wir wissen aus Erfahrung: Unter einem Durchmesser von etwa 80 mm wird es sehr schwierig, Uni-Q-Treiber mit überzeugender Performance zu realisieren. Für die XIO benötigten wir jedoch einen 50-mm-Treiber. Glücklicherweise konnten wir dabei auf Technologie aus einem früheren Produkt – der KEF Muo – zurückgreifen. Der Uni-Q MX besitzt sowohl eine Hochtöner- als auch eine Mitteltöner-Membran, nutzt jedoch ein gemeinsames Magnetsystem. Das bietet zwei große Vorteile für kompakte Anwendungen: Erstens vergrößert die Nutzung der Hochtöner-Membran auch die effektive Fläche für den Mittelton. Zweitens ist ein einzelner Antrieb wesentlich platzsparender als zwei getrennte. Die Abstrahlung des Hochtons wird dabei mechanisch kontrolliert – eine zusätzliche Herausforderung, die sich aber in einer deutlich besseren Hochton-Richtwirkung gegenüber klassischen Breitband-Treibern auszahlt.
AREA DVD: Einige Komponenten und Technologien – die Music Integrity Engine for Cinema – wurden exklusiv für die XIO entwickelt. Ist zu erwarten, dass weitere Soundbar-Produkte folgen oder dass diese Innovationen auch in anderen KEF-Produktkategorien eingesetzt werden?
Dr. Oclee-Brown: Die Music Integrity Engine for Cinema wurde speziell für die XIO entwickelt, ohne dass derzeit konkrete Pläne für andere Produkte bestehen. Dennoch gehe ich davon aus, dass sie künftig auch in anderen KEF-Produkten Verwendung finden wird. Räumlicher Klang ist heute durch Formate wie Dolby Atmos, die auf Plattformen wie Netflix weit verbreitet sind, besonders zugänglich. Die MIE for Cinema bietet uns eine hervorragende Grundlage, um dieses Potenzial auszuschöpfen – wir sind gespannt, welche Möglichkeiten sich hier künftig ergeben.

Der P185-Woofer in der XIO Soundbar
AREA DVD: Der speziell entwickelte P185-Woofer im Racetrack-Format liefert trotz kompakter Bauweise beeindruckenden Tiefton. Wie wurde das Gleichgewicht zwischen Gehäusegröße, Bass-Tiefe und Präzision technisch realisiert?
Dr. Oclee-Brown: Die XIO war in dieser Hinsicht ein ungewöhnliches Projekt: Die äußeren Abmessungen wurden bereits sehr früh im Entwicklungsprozess festgelegt – wir wollten sicherstellen, dass die Soundbar problemlos in typische Wohnräume passt. Sobald das Gehäuse definiert ist, stellt sich die Frage, welche Verstärkerleistung möglich ist und wie wir diese nutzen können, um möglichst viel Luft zu bewegen. Der P185 und die zugehörigen Verstärker wurden genau mit diesem Ziel entwickelt: maximalen Tiefton aus minimalem Raum zu holen – und das ohne externen Subwoofer.

VECO-Technologie veranschaulicht
AREA DVD: Damit eng verbunden: Mit VECO kommt ein Echtzeit-Feedback-System zum Einsatz, das Verzerrungen im Tieftonbereich minimieren soll. Wodurch unterscheidet sich VECO von anderen Systemen – und welchen konkreten Hörvorteil bietet es?
Dr. Oclee-Brown: VECO ist das Ergebnis von sechs Jahren Entwicklungsarbeit bei KEF. Es handelt sich um ein bewegungsbasiertes Feedback-System, das auf einem neuen, patentierten Bewegungssensor fußt. Zwar hatten wir auch zuvor schon DSP-gestützte Verzerrungskorrektur im Einsatz, doch ist es äußerst schwierig, das Verhalten eines Treibers über ein internes Modell präzise vorherzusagen. Ein Echtzeit-Sensor, der uns direkt das Verhalten des Treibers liefert, ist daher ein enormer Vorteil. VECO unterscheidet sich von anderen Systemen vor allem dadurch, dass es nur sehr wenig Platz im Treiber beansprucht und sich leicht in die Elektronik integrieren lässt. Die gemessene Geschwindigkeit wird in eine negative Rückkopplung eingebunden, um die Membranbewegung zu kontrollieren und Verzerrungen zu verringern. Gerade in einem Produkt wie der XIO, das per Equalizer tiefe Bässe aus einem kleinen Gehäuse erzeugt, ist dies entscheidend – andernfalls leidet die Klangreinheit schnell, und das System klingt überfordert. VECO sorgt dafür, dass XIO auch bei gehobener Lautstärke dynamisch und unangestrengt klingt.

Die Kalibrierung haben wir im Testbetrieb überprüft
AREA DVD: Die XIO bietet eine automatische Kalibrierung per „Intelligent Placement Technology“. Wie funktioniert dieses Verfahren technisch – und worin unterscheidet es sich von klassischen Raumkorrektur-Systemen?
Dr. Oclee-Brown: Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Raumkorrektur-Systeme zu aggressiv eingreifen – mit teils hörbaren Artefakten. IPT verfolgt einen bewusst einfachen Ansatz. Ziel ist es, den Einfluss von Wand- und Möbelnähe auf den Klang zu erkennen und gezielt zu kompensieren. Der Nutzer muss dafür lediglich den Kalibrierungsvorgang starten – integrierte Mikrofone übernehmen den Rest, ohne dass ein separates Messmikrofon bewegt werden muss. Zusätzlich stellen wir dem Nutzer einige einfache Fragen, die es erlauben, die interne Equalizer-Abstimmung optimal vorzubereiten. Fortgeschrittene Anwender können über die KEF Connect App zusätzliche Feinanpassungen vornehmen.
AREA DVD: Die Music Integrity Engine for Cinema wurde für Multichannel-Prozesse, Virtualisierung und adaptive Platzierung optimiert. Wird diese Version ausschließlich in der XIO zum Einsatz kommen, oder profitieren auch andere KEF-Systeme künftig von diesen Verbesserungen im Filmbereich?
Dr. Oclee-Brown: Die MIE for Cinema basiert auf einer anderen Hardware-Plattform mit mehr Ein- und Ausgängen. Das bedeutet, dass die aktuellen Entwicklungen zunächst exklusiv für die XIO bleiben.
AREA DVD: Selbst im Premiumbereich ist der Soundbar-Markt stark umkämpft. In welchen Bereichen – sei es klanglich, technisch oder funktional – sehen Sie die größten Unterschiede der XIO zu vergleichbaren Produkten?
Dr. Oclee-Brown: Ich bin überzeugt, dass die XIO einen deutlich raffinierteren Klang liefert als viele andere Premium-Soundbars – und genau darin liegt ihr wichtigster Unterschied.

Die KEF XIO in der Explosionsansicht
AREA DVD: Die XIO unterstützt Dolby Atmos, DTS:X, Sony 360 Reality Audio sowie die gängigen Streaming-Plattformen – und wirkt somit zukunftssicher. Wie gut ist sie für künftige Entwicklungen bei Streaming-Diensten oder Audioformaten gerüstet? Sind Software-Updates geplant bzw. technisch möglich?
Dr. Oclee-Brown: Für die XIO sind bereits umfassende Software-Updates geplant – unter anderem für die Unterstützung der KW2-Rücklautsprecher gegen Ende 2025. Diese Updates werden automatisch über WLAN eingespielt. Das integrierte Vierkern-Prozessor-System ist leistungsfähig genug, um komplexe Audioverarbeitung zu bewältigen. Wir gehen davon aus, dass sich künftige Entwicklungen bei Codecs oder Diensten ebenfalls per Firmware-Update integrieren lassen.
AREA DVD: Wird es künftig eine modulare Erweiterbarkeit geben – etwa durch optionale Rear-Speaker oder zentrale Audio-Hubs – um die XIO zu einem vollwertigen Heimkino-System auszubauen?
Dr. Oclee-Brown: Gegen Ende 2025 wird es ein Firmware-Update geben, das die Nutzung von KW2-Empfängern zur Integration von Rücklautsprechern ermöglicht. Subwoofer lassen sich bereits jetzt ergänzen. Weitergehende Pläne gibt es derzeit nicht – aber bereits damit lässt sich die XIO deutlich in Richtung Heimkino ausbauen.
Zusatzfragen zum KW2 RX Wireless Subwoofer Adapter
AREA DVD: Wie wichtig war es Ihnen, mit dem KW2 RX eine kabellose Subwoofer-Lösung anzubieten – und welche Vorteile ergeben sich speziell im Zusammenspiel mit der XIO?
Dr. Oclee-Brown: Die XIO unterstützt sowohl kabelgebundene als auch kabellose Subwoofer. Letztere bieten vor allem praktischen Komfort. Die Möglichkeit, einen Subwoofer hinzuzufügen, eröffnet der XIO mehr Flexibilität und ein klares Klang-Upgrade. Obwohl die XIO auch ohne externen Subwoofer eine beeindruckende Bassleistung bietet, lässt sich mit einem zusätzlichen Subwoofer der maximale Pegel und die Dynamik noch einmal deutlich steigern – ideal für größere Räume oder Nutzer, die ihr Setup später ausbauen möchten.

KEF KW2 RX
AREA DVD: Der KW2 RX ist nicht nur mit KEF-Subwoofern kompatibel, sondern auch mit Fremdprodukten. Wie wichtig war diese Offenheit in Ihrer Produktstrategie?
Dr. Oclee-Brown: Natürlich wünschen wir uns, dass Nutzer unsere KEF-Subwoofer einsetzen. Aber wir wollten mit dem KW2 auch eine Lösung schaffen, die universell einsetzbar ist – etwa über den 3,5-mm-Klinken- oder optischen Ausgang. Die Kompatibilität mit Drittanbieter-Subwoofern ist ein netter Zusatznutzen, insbesondere für Kunden, die bereits über entsprechende Geräte verfügen. Wenn sie dadurch mehr Freude an der XIO haben, ist das für uns vollkommen in Ordnung.
AREA DVD: Kabellose Übertragung bringt immer Herausforderungen bei Latenz und Kompression mit sich. Welche technischen Maßnahmen wurden getroffen, um bei 24 Bit / 48 kHz eine stabile, verzögerungsarme Basswiedergabe sicherzustellen?
Die drahtlose Audioübertragung erfolgt im 2,402- bis 2,48-GHz-Band unter Einsatz eines hochwertigen, latenzoptimierten verlustbehafteten Codecs. Diese Technologie wurde speziell im Hinblick auf XIO-Anforderungen wie Lipsync, Zuverlässigkeit und Nutzungsszenarien ausgewählt.

KW2 RX Wireless-Adapter am KEF KC62 Subwoofer
AREA DVD: Durch den Einsatz mehrerer KW2 RX lassen sich Multi-Subwoofer-Setups realisieren. Wie praktikabel ist dies im Alltag – und welche klanglichen Vorteile sehen Sie insbesondere in typischen Wohnzimmerumgebungen?
Die Unterstützung mehrerer Subwoofer ist ein angenehmer Nebeneffekt der gewählten Funktechnologie. Aus akustischer Sicht sind wir überzeugt, dass mehrere Subwoofer helfen, Raummoden besser zu kontrollieren. Und aus praktischer Sicht kann es einfacher sein, mehrere kleinere Subwoofer unterzubringen als ein einzelnes großes Modell.
Wir danken Dr. Jack Oclee-Brown für die geduldige Beantwortung unserer Fragen und hoffen auf ein baldiges Wiedersehen!
Special: Philipp Kind
Bilder: KEF / Sven Wunderlich
Datum: 12.08.2025
Tags: KEF • Soundbar






