TEST: Beyerdynamic Custom Studio – Anpassungsfähiger Kopfhörer für Individualisten

Beyerdynamic Custom Studio 1

Gerade haben wir den neuen Beyerdynamic Kopfhörer noch auf der High-End in München begutachtet, schon dürfen wir Ihn – zumindest für ein paar Tage – in der Redaktion unser Eigen nennen. Ausgestattet mit dynamischen 45mm-Wandlern liefert der 80 Ohm Hörer einen Frequenzbereich von 5 bis 35.000 Hz. Der Custom Studio wurde in Anlehnung an den Custom One Pro als geschlossener Kopfhörer für den Studio-Einsatz entwickelt. Wir wollen dennoch versuchen, ihm etwas Alltagstauglichkeit zu entlocken. „CUSTOM“ – das bedeutet individualisieren, und zwar optisch wie akustisch! Zum einen optisch, denn es lassen sich die Ohrschalen, Ohr- und Kopfpolster und andere Akzente am Hörer einfach austauschen. Zum anderen akustisch, so ist ein „Bass-Slider“ für die Anpassung des Tieftonbereichs direkt im Kopfhörer integriert. Für Tragekomfort und perfekte Kopfanpassung soll gesorgt sein. Unter www.beyerdynamic.com und im Fachhandel ist der Custom Studio für 199 EUR UVP erhältlich.

Beyerdynamic Custom Studio 5

Das Cover der Ohrschale kann nach Belieben ausgetauscht werden

Beyerdynamic Custom Studio 4

Bewährte Gabelgelenke

Beyerdynamic Custom Studio 9

Kopfpolster aus Velour

Beyerdynamic Custom Studio 7

Größenanpassung

Beyerdynamic Custom Studio 6

Kopfband

Der mit 290 Gramm sehr leichte Custom Studio macht einen sehr robusten ersten Eindruck. Wie bei beyerdynamic üblich kommen auch hier die Gabelgelenke und der Kopfbügel aus Federstahl zum Einsatz. Die Größenanpassung links und rechts ist etwas zäh, ein wenig Kraftaufwand zum Herausziehen des Gelenks ist notwendig. Als Ohrpolster kommen Velour-Pads zum Einsatz, die ebenso wie das Kopfpolster bei Bedarf ausgetauscht werden können. beyerdynamic legt großen Wert auf den Produkt-Support auch lange nach der ursprünglichen Veröffentlichung. Ist ein Teil des Kopfhörers kaputt hat man keine schlechten Chancen, direkt vom Hersteller Ersatz zu erhalten und muss nicht direkt einen neuen Kopfhörer erstehen. Wie bereits erwähnt kann man mit farbigen Covern, Ringen sowie Kopf- und Ohrpolster seinem individuellen Style freien Lauf lassen. Hier sollte man sich auf der Website des Herstellers genauer umsehen.

Kurz möchten wir noch auf den Tragekomfort des Custom Studio eingehen. Der Kopfhörer sitzt nach einer kurzen Größenanpassung, die sehr fein differenziert möglich ist, perfekt auf dem Kopf und drückt nicht auf die Schädeldecke. Ein Schmeichler um die Ohrmuschel ist er allerdings nicht unbedingt. Die Andrückkraft des Custom Studio liegt mit 5,6 N doch sehr hoch an. Im Praxisbetrieb ist es aber weniger schwerwiegend als erwartet, selbst nach längerem Tragen bleibt der Kopfhörer recht angenehm und ohne Druckschmerzen. Im Vergleich dazu finden wir den Custom One Pro, der nur mit 3,5 N angegeben ist, auf Dauer anstrengender. Die Velour-Pads scheinen hier das meiste abzufedern.

Beyerdynamic Custom Studio 8

Kabel-Anschluss und „Custom Studio Sound Slider“

Beyerdynamic Custom Studio 11

Klinkenanschlüsse am Kabel

Beyerdynamic Custom Studio 10

beiliegendes Kabel

Links und rechts an den Hörern ist der Bass-Slider untergebracht und bietet vier verschiedene Intensitäts-Stufen, die wir nachher noch untersuchen werden. Das Klangverhalten wird dadurch ohne jegliche elektronische Manipulation verändert, von „leichtem Bass“ über „linear“ und „Bass Boost bis hin zu „Vibrant Bass“. Der Custom Studio ist ein geschlossener Kopfhörer. Im Studio-Bereich schützt diese Variante störendes Übersprechen und fördert saubere Aufnahme-Signale. Im Alltag wird man so, zwar nicht völlig aber eben mehr als bei offenen oder halboffenen Kopfhörern, von äußeren Umweltgeräuschen abgeschottet und stört den Sitznachbarn nicht. Das können wir hier auch nachvollziehen, wenn die Geräuschdämmung auch eher marginal ist und selbstverständlich nicht mit aktiver Geräuschunterdrückung vergleichbar. Ob der Sound-Slider des Custom Studio Kopfhörers offen oder geschlossen ist, macht zumindest im Alltag lediglich einen minimalen Unterschied aus.

Gut gefällt uns, dass das Kabel – im Gegensatz zu früheren beyerdynamic-Modellen – abnehmbar und damit sehr einfach austauschbar ist. So kann, wer möchte, den Custom Studio gar mit einem Mikrofon ausstatten und zum Headset machen. Im Lieferumfang enthalten ist ein gewendeltes, 3m langes Kabel mit 3,5mm Anschluss und aufschraubbarem 6,35mm Adapter. Der Anschluss am Kopfhörer schnappt sicher ein und kann nicht mehr herausrutschen.

Klang

Bevor wir uns an die ausführliche Klang-Beschreibung wagen, wollen wir uns kurz mit dem „Custom Slider“ des beyerdynamic Kopfhörers befassen. Wie schon beschrieben, kann man hier mit einer simplen Schiebebewegung variable Bassreflexöffnungen öffnen oder schließen und damit das Klangverhalten beeinflussen. Die erste Einstellung „light bass“, bei dem die Bassreflexöffnungen komplett geschlossen sind, findet unserer Meinung nach im praktikablen Alltags-Betrieb keinen sinnvollen Einsatzzweck. Im Studio mag dies anders sein, zum Musik-Hören ist die völlig geschlossene Variante aber weniger sinnvoll. Die tiefen Bereiche, wenn auch vorhanden, sind nur sehr schwach ausgeprägt und die Mitten und Höhen stehen beinahe alleine auf weiter Flur. Die zweite Stufe gefällt uns allerdings schon sehr gut, hier wird mehr Volumen geboten und die sehr tiefen Kellerbässe lassen sich schon gut erfassen. Wer es basslastiger mag, wird hier noch einiges vermissen. Liebhaber eines trockenen und eher zurückhaltenden Tieftonbereiches fühlen sich hier zuhause. Stufe 2 und Stufe 3 ähneln sich, eine Kelle wird aber schon obenauf gelegt. Wer es etwas runder und voller mag, auch prinzipiell etwas spektakulärer und emotionaler mag, der wählt diese Variante. Wenn auch nicht überbordend, trägt die vierte Stufe „Vibrant Bass“ schon klar dicker auf. Für hochwertige Aufnahmen sogar etwas zu stark, dennoch wird sie bei uns bei schwachen Aufnahmen oder z.B. Musik-Streams und Dateien mit geringerer Bitrate ihren Einsatz finden.

Wir starten durch mit „She Moves“ von alle Farben. Die treibende elektronische Musik wird vom Custom Studio lebendig und mitreißend wiedergegeben, bei Slider-Einstellung 2 kommt der Bass trocken, präzise und druckvoll. Wer etwas mehr Volumend und Vollmundigkeit mag, kann auch auf Stufe 3 wechseln. Uns gefällt, dass der Custom Studio einen recht ausgewogenen Eindruck macht. Sicher ist der Hochtonbereich sehr präsent. Wir finden aber nicht, dass hier überbetont wird. Sehr klar, transparent und hochauflösend werden uns die akustischen Elemente des oberen Bereichs dargeboten. Auch als das Geschehen sehr komplex wird, lassen sich einzelne Feinheiten und Details exzellent zuordnen und orten. Der Kopfhörer entwickelt auch eine ausgezeichnete Räumlichkeit. Die Stimme steht zentral und gefällt mit viel Charakter. Sehr gut gelingen auch die Gitarrenklänge und die einzelnen Percussion-Komponenten, die harmonisch in die Klangkulisse eingebettet werden.

Wechsel in den Sattel – Joe Bonamassa verwöhnt uns mit Country-Folk-Blues-Klängen während seines „Acoustic Evening“ im Wiener Opernhaus. Die Live-Aufnahme in Kombination mit dem Custom Studio überzeugt mit hervorragender Transparenz und Luftigkeit. Mitten- und Hochtonbereich sind enorm klar und sauber strukturiert, hier geht kaum ein Detail der verschiedenen akustischen Ebenen verloren. Auch sehr schön die exakt herausgearbeiteten Unterschiede der einzelnen Instrumente. Die Gitarre etwas schärfer, die Violine weich und schmeichelhaft. Als sich das Banjo-ähnliche Instrument hinzugesellt, wird der ausgezeichnete Bühnenaufbau auch weniger versierten Anwendern klar. Die Staffelung der Bühne, die präzise Darstellung einzelner Instrumente, die man perfekt orten kann, sind eine klare Stärke des beyerdynamic Kopfhörers. Bei „Jockey Full of Bourbon“ setzt sich der Custom Studio schon beim Intro, das von Klavier, Percussion und Gitarre geprägt ist, hervorragend in Szene. Feindynamisch und auch bezüglich der Auflösung wird hier im Bereich von 200 EUR schon überdurchschnittlich viel geboten und auch kleine Charakteristika der einzelnen Instrumente während der Live-Aufnahme werden sauber herausgearbeitet. Der transparente und durchhörbare obere Mitten- und Hochtonbereich war stets eine Stärke der Kopfhörerschmiede. Und wenn manchmal vielleicht ein Quäntchen zu präsent, schafft der Custom Studio dennoch weitgehend die Balance und bietet ein recht ausgewogenes Klangbild. Der Bass ist hier bei Einstellung zwei trocken und auf den Punkt, gleichzeitig satt und druckvoll.

Bei Aufnahmen, die schon etwas älter oder generell etwas dünner sind, freuen wir uns erneut über den Custom Slider. Auf der „Heavy“-Seite der Musikgenres ist man nicht unbedingt immer mit hochwertigen Aufnahmen gesegnet und holt mit etwas mehr Bass ein wenig Lebendigkeit und Erlebnis zurück. Die Kokaiinum von Illdisposed ist zwar nur bedingt so ein Fall und hier reicht die Einstellung 3 vollkommen aus, 2 wäre uns aber etwas zu wenig. Der Klassiker „Fear Bill Gates“ reißt uns hier sofort mit und begeistert mit klarer Instrumentaldifferenzierung – die Metal-Tiraden machen es dem Kopfhörer nicht gerade einfach – und schnellem Antritt. Die Doppelbass-Armada gelingt sehr strukturiert und auch die sonstigen Elemente des Schlagwerks werden sauber herausgearbeitet. Trotz des sehr komplexen Klanggeschehens lassen sich die einzelnen Instrumente noch klar heraushören und feindynamische Details werden erkennbar.

Denken wir an den Custom One Pro zurück, empfinden wir den neuen Custom Studio trotz identischer Basis im Hochtonbereich etwas feiner und besser aufgelöst. Der Custom Slider arbeitet ähnlich erfolgreich wie hier. Trügt uns die Erinnerung nicht, bietet der Custom One Pro voll geöffnet noch etwas mehr Nachdruck und Bassvolumen, fehlen wird dies beim Custom Studio aber nur den Bass-Fanatiker, der vielleicht ohnehin nicht unbedingt Zielgruppe der beyerdynamic Hörer ist. Trotz des höheren Anpressdrucks (5,6 N vs 3,5 N) finden wir den Custom Studio angenehmer zum tragen, was vermutlich an den geschmeidigen Velour-Pads liegt. Die Verarbeitung ist auf identisch hohem Niveau.

Fazit

Beyerdynamic Custom Studio 1

Der Custom Studio von beyerdynamic ist zwar eigentlich ein Studio-Kopfhörer und auf die Belange bei der Aufnahme und zum Abhören optimiert, bietet aber aufgrund seiner akustischen Wandelbarkeit auch im Alltag eine exzellente Basis. Denn mit dem Custom Slider kann man den Tieftonbereich hervorragend anpassen und an verschiedene Gegebenheiten – zuhause oder unterwegs, schlechte oder gute Aufnahmen – adaptieren. Im Hochtonbereich spielt er klar und löst recht hoch auf, betont die oberen Bereiche aber nicht zu stark. Seine Stärken sind Instrumentaldifferenzierung und Räumlichkeit. Trotz des vergleichsweise hohen Anpressdruckes wird der Custom Studio auch bei längeren Hör-Sessions nicht unangenehm. Die Verarbeitungsqualität ist auf typisch hohem Niveau und beyerdynamic verspricht langanhaltenden Produkt-Support.

Der Custom Studio begeistert mit akustischer wie optischer Wandlungsfähigkeit und hervorragenden Klangeigenschaften
ueberragend
05.06.2015

+ Solide Verarbeitungsqualität
+ Guter Tragekomfort
+ Optisch individualisierbar
+ Custom Slider für individuelle Bass-Anpassung
+ Ausgezeichnete akustische Eigenschaften
+ Abnehmbares, austauschbares Kabel
+ Einzelteile problemlos austauschbar

– recht hoher Anpressdruck, empfindliche Nutzer sollten Probe tragen

 

Test: Philipp Kind
Fotos: Sven Wunderlich
Datum: 05.06.2015




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