Bowers & Wilkins 800 D5 im Gespräch - Andy Kerr über Technik, Entwicklung und Philosophie

Mit der neuen 800 Serie Diamond D5 hat Bowers & Wilkins seine Referenzlautsprecher zum 60-jährigen Firmenjubiläum umfassend überarbeitet. Die neue Generation bringt zahlreiche technische, mechanische und elektrische Optimierungen mit sich und ist, so B&W, die bislang fortschrittlichste Lautsprecherserie der Unternehmensgeschichte.
Bereits in unserem ausführlichen Vorstellungsartikel haben wir sämtliche technischen Neuerungen, Konstruktionsdetails und Spezifikationen der neuen D5-Serie beleuchtet. Darüber hinaus konnten wir auf der HIGH END 2026 in Wien erste Höreindrücke mit dem Flaggschiff 801 D5 sammeln und dessen klangliche Eigenschaften in der Praxis erleben.
- HIGH END 2026: Bowers & Wilkins 800 Serie Diamond D5 im Detail
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Im folgenden Interview spricht Andy Kerr, Director of Product Marketing & Communications bei Bowers & Wilkins, über die Entwicklung der neuen Generation. Dabei erläutert er die Bedeutung moderner Simulationsverfahren, die Entstehung des neuen Space-Frame-Bracing-Systems, die Vorteile der Aluminium-Mitteltönerkammer des 804 D5 sowie die klanglichen Auswirkungen der überarbeiteten Frequenzweichen und Verkabelung. Außerdem erklärt er, welche Unterschiede Besitzer eines D4-Modells beim Umstieg auf die neue D5-Serie als Erstes wahrnehmen werden und wo die größten Entwicklungsaufwände bei einem Lautsprecher dieser Klasse tatsächlich liegen.
Das Interview wurde in englischer Sprache geführt und für unsere Leser ins Deutsche übersetzt.
Interview mit Andy Kerr

Andy Kerr bei der Vorführung der 801 D5 auf der High End 2026 in Wien
AREA DVD: Die neue 800 Serie Diamond D5 wird als die technologisch fortschrittlichste Lautsprecherserie in der Geschichte von Bowers & Wilkins bezeichnet. Welche einzelne Entwicklung unter den zahlreichen Verbesserungen hat Ihrer Meinung nach den größten klanglichen Fortschritt gegenüber der vorherigen D4-Generation ermöglicht?
Andy Kerr: Das ist eine wirklich interessante Frage, denn wenn man nur einen einzelnen Punkt herausgreifen möchte, wird es sehr schwierig. Ich erkläre Ihnen, was ich damit meine.
Wenn wir beispielsweise von 2004 auf 2005 schauen, hatten wir den Wechsel vom Aluminiumkalotten-Hochtöner zum Diamantkalotten-Hochtöner – das war ein großer Schritt. 2015 folgte der Wechsel von der Kevlar-Membran zur Continuum-Membran – ebenfalls ein großer Schritt.
Was unserem Entwicklungsteam bei jeder neuen Generation der 800 Serie immer besser gelungen ist, ist die deutlich stärkere Einbindung von Mess- und Simulationsverfahren.
Laserinterferometrie, also hochpräzise Lasermessungen, nutzen wir bereits seit den 1970er-Jahren. Vereinfacht gesagt verwenden wir einen Laser-Vibrometer, um die strukturellen Eigenschaften einer Oberfläche zu erfassen und zu analysieren, wie sie sich verhält.
Besonders leistungsfähig wurde dies Ende der 2000er-Jahre durch die Kombination mit dreidimensionalen Simulationen und Finite-Elemente-Analysen. Wir arbeiten dabei mit einer Software namens ComSol Multiphysics, einem äußerst leistungsfähigen Simulationssystem.

Flaggschiff-Lautsprecher: Bowers & Wilkins 801 D5 in Dark Walnut
Bei einer Generation wie der D2 um 2010 befanden wir uns diesbezüglich noch in einer Lernphase. Außerdem waren Computer damals deutlich limitierter in ihrer Leistungsfähigkeit. Realistisch betrachtet konnten wir nur drei oder vier Hauptkomponenten detailliert simulieren, beispielsweise die Diamantkalotte, aber auch einige andere Bauteile.
2015 simulierten wir bereits praktisch das gesamte System. Dadurch konnten wir sowohl das Verhalten der Treiber als auch das Verhalten der Gehäuse deutlich besser verstehen.
Wenn ich auf die D5 blicke, dann besitzt sie das bislang fortschrittlichste dreidimensionale Verständnis von Schallabstrahlung und davon, wie sich Energie innerhalb einer Struktur ausbreitet und wieder austritt.
Mit der D3-Generation führten wir 2015 Aluminium-Verstrebungen an der Front des Lautsprechers ein. Damals sagten wir bereits, dass wir akzeptieren würden, dass die Steifigkeit nach hinten hin etwas nachlassen könnte, dies aber innerhalb eines vertretbaren Bereichs liege. Das entsprach dem damaligen Wissensstand. Mit den Jahren haben wir jedoch erkannt, dass dieser Effekt problematischer ist als zunächst angenommen.
Deshalb besitzt die D5 heute ohne jeden Zweifel das mechanisch ruhigste Gehäuse, das wir jemals entwickelt haben. Das liegt an der Art und Weise, wie die verschiedenen Strukturen, Verstrebungen und Bauteile miteinander verzahnt sind.

Bowers & Wilkins 802 D5, 803 D5, 804 D5 und 805 D5
AREA DVD: Es wurde also erhebliches Potenzial in diesem Bereich erkannt?
Andy Kerr: Ja, genau. Damit komme ich im Grunde auf Ihre ursprüngliche Frage zurück. Es ist vergleichbar mit einer besseren Linse in einem Teleskop. Mit den heutigen Technologien können wir deutlich tiefer in einen Lautsprecher hineinschauen. Wir verstehen mehr und können dadurch mehr Verbesserungen erzielen.
Das ist die wissenschaftliche Seite.
Die andere Veränderung ist eher menschlicher Natur. Natürlich haben wir unsere eigenen Entwicklungsprozesse und Herangehensweisen. Aber wir entwickeln nicht in einer Blase. Wir arbeiten eng mit Menschen zusammen, deren Urteil wir vertrauen – insbesondere mit Toningenieuren, Musikern und anderen erfahrenen Hörern.
Einige Personen, die uns Rückmeldungen zur D3 gegeben haben, sagten damals sinngemäß: „Vielleicht seid ihr etwas zu weit gegangen.“
An einer perfekten Anlage in einem perfekt eingerichteten Raum klang die D3 fantastisch. In einer durchschnittlicheren Kette und in einem normalen Wohnraum zeigte sie jedoch gewisse Einschränkungen. Nicht, weil die Leistung begrenzt gewesen wäre, sondern weil sie nahezu zu aufdeckend und wenig verzeihend war.
Auf Basis dieses Feedbacks haben wir intensiv daran gearbeitet, eine ausgewogenere Tonalität und größere klangliche Konsistenz zu erreichen.
Das lässt sich nicht durch Messungen allein erzielen. Das entsteht nicht im Messlabor, sondern durch viele Stunden im Hörraum. Genau das hört man bei der neuen Generation. Man hört das Ergebnis erheblich intensiverer Abstimmungsarbeit.
Während der Entwicklung der D4 im Jahr 2021 erschwerte die Covid-Pandemie die Zusammenarbeit. Es gab weniger Möglichkeiten, Entwickler gemeinsam im Hörraum arbeiten zu lassen. Die D5 profitiert nun sowohl von wissenschaftlichem Fortschritt als auch von mehr menschlichem Feintuning.

Die Krux: Das Space Frame Bracing mit den gerundeten Gehäusewänden zusammenbringen
AREA DVD: Das fasst die Entwicklung sehr schön zusammen. Kommen wir direkt zum neuen Space-Frame-Bracing-System. Wie entstand dieses Konzept und welche technischen Herausforderungen mussten bewältigt werden?
Andy Kerr: Das Grundprinzip des Space Frame Bracing ist eigentlich nicht neu. Es wird beispielsweise bei Brücken oder anderen Konstruktionen eingesetzt. Man nutzt dabei die hohe Steifigkeit zugfester Strukturen – in unserem Fall Aluminium – und verbindet diese an definierten Punkten durch Querstreben.
Unser System arbeitet jedoch nicht isoliert. Es ist mit weiteren Strukturen verbunden, diese wiederum mit weiteren Strukturen und so weiter. Dadurch entsteht ein Gesamtsystem, das nicht nur für sich hervorragend funktioniert, sondern auch optimal mit dem gebogenen Lautsprechergehäuse zusammenarbeitet.
Und genau dort lag die größte Herausforderung.
An der Rückseite des Lautsprechers befindet sich eine flache Holzplatte, an der das Space Frame Bracing direkt verschraubt wird. Das ist vergleichsweise einfach.
Danach muss jedoch die Gehäusekrümmung von beiden Seiten präzise an diese Struktur herangeführt werden. Dafür benötigt man extrem präzise Ausrichtungswerkzeuge und eine absolut exakte CNC-Bearbeitung.
Wir fertigen heute mit Toleranzen von plus/minus 0,2 Millimetern. Das ist außerordentlich präzise und ermöglicht diese Passgenauigkeit überhaupt erst.
Das Konzept des Space Frame Bracing selbst ist also nicht neu – die Art der Umsetzung hingegen schon.

Der Mitteltöner der schlanken Standsäule B&W 804 D5 sitzt jetzt in einem Alu-Gehäuse

Die größeren Modelle setzen auf ein separates Gehäuse
AREA DVD: Bleiben wir bei der Konstruktion, betrachten aber mit dem 804 D5 einen spezifischen Lautsprecher und hier insbesondere die Aluminium-Kammer des Continuum-FST-Mitteltöners. Welche akustischen Vorteile bringt diese Konstruktion und wie nah rückt der 804 D5 dadurch an die größeren Modelle mit Turbine Head heran?
Andy Kerr: Die meisten Vorteile sind tatsächlich mechanischer und weniger akustischer Natur. Das Aluminiumgehäuse beeinflusst das Abstrahlverhalten praktisch nicht. Seine Vorteile liegen an anderer Stelle.
Erstens erhalten wir eine deutlich steifere Struktur als mit Holz. Bisher war der Mitteltöner in einem sehr gut konstruierten Holzgehäuse untergebracht. Nun sitzt er in einer Metallstruktur mit höherer Präzision und größerer Steifigkeit. Dadurch können wir unerwünschte Einflüsse der Tieftöner wirksamer unterdrücken und gleichzeitig den Mitteltöner freier arbeiten lassen.
Der zweite Vorteil betrifft ebenfalls die Mechanik. Selbst bei äußerst präzisen Bohrungen in Holz bleibt immer ein gewisses Risiko minimaler Fertigungsabweichungen bestehen. Bei Metall auf Metall erhalten wir hingegen einen absolut reproduzierbaren Referenzpunkt.
Der Entkopplungsmechanismus des Mitteltöners wird dadurch deutlich vorhersehbarer. Weil wir dieses Verhalten genauer kontrollieren können, können wir den Mitteltöner bei noch niedrigeren Frequenzen entkoppeln. Dadurch klingt er freier und weniger so, als wäre er in einem Gehäuse montiert.
Natürlich sitzt er nicht wirklich in einem Turbine Head, aber klanglich nähert er sich diesem Verhalten deutlich an.

Unterer Bereich der B&W 801 D5 mit Anschlüssen
AREA DVD: Nachdem wir über die mechanischen Verbesserungen gesprochen haben, kommen wir zu den elektrischen Optimierungen: überarbeitete Frequenzweichen, neue interne Verkabelung und verbesserte Anschlüsse. Wie bedeutend sind diese Maßnahmen im Vergleich zu den mechanischen Veränderungen?
Andy Kerr: Diese Maßnahmen verändern weniger Dinge wie Abstrahlverhalten, Maximalpegel oder Dynamik. Sie helfen uns aber sehr dabei, die Tonalität zu optimieren, ohne Auflösung zu verlieren.
Wir haben mehrere zentrale Komponenten verbessert.
Dazu gehören die Mundorf-Kondensatoren im Tieftonbereich. Sie besitzen nun die hochwertigen Angelique-Anschlussleitungen mit geringeren Verlusten und saubererer Signalübertragung.
Diese Technologie wurde ursprünglich in den Signature-Modellen für den Mitteltonbereich eingesetzt. Beim 801 D5 kommt sie nun zusätzlich auch im Tieftonzweig zum Einsatz. Zur Verdeutlichung: Ein 801 D4 Signature nutzt Angelique-Leitungen im Mitteltonbereich, aber nicht im Tieftonbereich. Der 801 D5 verwendet sie in beiden Bereichen.
Darüber hinaus nutzen wir weiterhin interne Verkabelung von Van den Hul, einem langjährigen und sehr vertrauenswürdigen Partner. Die Kabel überzeugen uns durch ihre hohe Reinheit und sie eignen sich hervorragend für den Einsatz innerhalb von Frequenzweichen, da sie ebenfalls robust und biegsam sind.
Zusätzlich verfügen sie nun über hochwertigere Ummantelungen, verbesserte Kontakte, optimierte Brücken sowie hochwertigere Messingkerne an den Anschlussklemmen. Dadurch entstehen geringere Verluste und ein saubererer Signalfluss.
Kurz gesagt: Wir haben den Signalweg bis in die Frequenzweiche hinein verbessert und durch hochwertigere Bauteile die Tonalität positiv beeinflusst.

Andy Kerr dreht am Lautstärkeregler
AREA DVD: Sie führen seit vielen Jahren Vorführungen neuer Bowers-&-Wilkins-Lautsprecher durch. Wenn ein Besitzer einer 801 D4 oder 802 D4 auf die neue D5-Generation umsteigt: Welche klanglichen Unterschiede wird er ihrer Meinung nach vermutlich zuerst wahrnehmen?
Andy Kerr: An erster Stelle würde ich die verbesserte Tonalität nennen. Das ist wahrscheinlich der erste Eindruck. Selbst bei niedrigen Lautstärken bleibt die volle Auflösung erhalten, aber der Lautsprecher wirkt noch kultivierter und raffinierter.
Wer lange mit einer D4 gelebt hat, wird das sofort nachvollziehen können. Der zweite Punkt betrifft eindeutig das Gehäuseverhalten und die Abbildungspräzision.
Die Lautsprecher können eine außergewöhnlich stabile räumliche Darstellung erzeugen. Klangquellen bleiben exakt dort, wo sie hingehören. Es entsteht nicht der Eindruck, dass das Gehäuse irgendwie mitarbeitet oder auf das Signal reagiert.
AREA DVD: Das konnten wir auch in der Praxis nachvollziehen. Während der Präsentation saß ich etwas außerhalb der optimalen Hörposition, hatte aber trotzdem den Eindruck einer sehr präzisen Bühnenabbildung.
Andy Kerr: Ja, absolut. Ich denke zudem, dass die neue Generation eine großzügigere Klangbühne bietet als bisher.
Das liegt unter anderem am neuen Hochtöner-Schutzgitter, das ursprünglich für die Signature-Modelle entwickelt wurde. Dieses Gitter verbessert das Abstrahlverhalten und vermittelt einen offeneren Klangeindruck.

Ganz oben: Das massive Hochtönergehäuse mit neuem Gitter
AREA DVD: Leider neigt sich unsere gemeinsame Zeit dem Ende zu. Abschließend noch eine Frage: Bei Preisen von bis zu 50.000 Euro – wohin fließt heute der größte Anteil an Entwicklungs- und Produktionsaufwand? In die Treiber oder in die Gehäusekonstruktion?
Andy Kerr: Das teuerste Einzelbauteil bleibt nach wie vor der Diamantkalotten-Hochtöner.
An zweiter Stelle folgen wahrscheinlich einige der Mundorf-Kondensatoren in der Frequenzweiche, weil wir dort ausschließlich die hochwertigsten Komponenten verwenden.
Danach kommen die zahlreichen Metallbauteile. Das vermutlich teuerste Einzelteil darunter ist der Turbine Head, eine sehr massive Gusskonstruktion mit einem Gewicht von rund 18 Kilogramm.
Der größte Kostenfaktor insgesamt sind allerdings die fünf Jahre Forschungs- und Entwicklungsarbeit.
Man muss bedenken, wie viele hochqualifizierte Ingenieure über Jahre hinweg an einem solchen Projekt arbeiten. Das sind Spezialisten mit enormem Fachwissen, die Tag für Tag daran arbeiten, jedes Detail weiter zu verbessern.
Ein erheblicher Teil der Investitionen fließt daher in das, was wir intern als NRE ("new resource- and engineering time") bezeichnen – also Entwicklungs- und Ingenieuraufwand mit zahlreichen Optimierungen und Experimenten, bevor man mit der Produktion überhaupt beginnt.
AREA DVD: Vielen Dank für Ihre Zeit und wir freuen uns auf ein baldiges Wiedersehen.
Andy Kerr: Vielen Dank. Es war mir eine Freude.
Interview: Philipp Kind
Fotos: Philipp Kind; Titelbild und Aufmacher mit KI erstellt
Datum: 26.06.2026
Tags: B&W • Bowers & Wilkins • Bowers&Wilkins • Lautsprecher • Sound United






