TEST: Regallautsprecher Bowers & Wilkins 606 - kann B&W auch in günstigen Preisklassen überzeugen?

Der größere der beiden Regallautsprecher der 600er Serie, der B&W 606, ist mit rund 350 EUR Stückpreis eine verheißungsvolle Option - ein großer Name, dazu ein bürgerlicher Preis - das passt. An lieferbaren Gehäusefarben stehen die weiße oder die schwarze Variante bereit, auf farbliche Experimente lässt sich Bowers & Wilkins nicht ein. Bei uns kamen zusätzlich zur 606 noch die perfekt auf die Optik der Lautsprecher abgestimmten Standfüße, die pro Stück zusätzlich 225 EUR kosten, das ist sehr viel Geld. Dafür wirken sie aber auch massiv und edel. Wahlweise ist die 606 in mattschwarzer oder mattweißer Variante zu haben.

Aluminium-Hochtöner

Tief-/Mitteltöner, wie auch der Hochtöner ohne sichtbare Schrauben befestigt

Gerade in Verbindung mit dem Ständer entsteht ein sehr gefälliger Gesamteindruck

Rückseite komplett

Die 606 ist mit einem "Decoupled Double Dome"-Aluminium-Hochtöner ausgestattet und bringt für den Tief- und Mitteltonbereich ein 165 mm Chassis mit. Bei +/- 3dB werden Frequenzen zwischen 52 Hz und 33 kHz wiedergegeben. Durch den recht großen Tiefmitteltöner ist ein guter Tiefgang garantiert, und dank des erweiterten Frequenzbereiches des Hochtöners ist die 606 auch für Hi-Res-Audio-Dateien geeignet.

Als Empfindlichkeit nennt der Hersteller gute 88dB (2,83V/1m), die Nominalimpedanz liegt bei 8 Ohm, die Minimalimpedanz bei 3,7 Ohm. Bowers&Wilkins empfiehlt Verstärker mit einer Leistung von 30 bis 120 Watt an 8 Ohm pro Kanal als passenden Zuspieler.

Klassisch: Separate Schallwand, präzise am Korpus befestigt

Lautsprecherkabel-Anschlussterminals

Bassreflex-Öffnung hinten

FS700-S2 Standfuß im Detail

Die Boxen sind 345 mm hoch, 190 mm breit und 300 mm tief (324 mm inklusive Grill und Terminals). Das Gewicht: 6,9 kg, nicht eben leicht, was auf hochwertige verbaute Technik hinweist. Bei der schwarzen Variante ist das Abdeckgitter schwarz, bei der weißen Version hingegen grau. Es hält magnetisch und ist für die Preisklasse als hochwertig zu bezeichnen. Die 600er Serie von B&W kommt mit klassischer Gehäuse-/Schallwand-Konstruktion und nicht mit Unibody-Gehäuse. Beide Chassis sind ohne sichtbare Schrauben befestigt. Die B&W 606 besteht somit den ersten Check: Prima Verarbeitung zum günstigen Kaufpreis. Wie sie sich akustisch schlägt, lesen Sie jetzt.

Klang

Wir starten mit Till Brönners "A Thousdand Kisses Deep" (Zuspielung von Tidal). Und die Regalbox fokussiert die Trompete gekonnt, zugleich gibt sie der Vorstellung ein gutes Fundament. Die Basskraft der 606 hat uns überrascht, vor allem auch, wie souverän sie recht tief herunterkommt. Der Lautsprecher spielt echt, authentisch, der Bass ist gleichermaßen satt wie trocken, die Trennung der einzelnen instrumentalen Anteile gelingt überzeugend.

Wenden wir uns der 2015er Remaster-Version des Phil Collins-Klassikers "I Wish It Would Rain Down" (Tidal, CD-Qualität) zu. Nun muss die 606 hinsichtlich der sauberen Stimmdarstellung liefern. Und das tut sie. Die Stimme kommt sehr klar heraus, das Differenzierungsvermögen bleibt auch bei gehobener Lautstärke praktisch komplett erhalten. Die Räumlichkeit, die der britische Schallwandler bereit stellt, ist ausgezeichnet, auch wenn man etwas weiter von der 606 entfernt sitzt. Immer überzeugen Gesamt- und Feindynamik. Der Hochtonbereich ist bei diesem Sing relativ präsent, wird aber nicht zu schrill oder metallisch. Das passiert erst dann, wenn man es mit dem Pegel übertreibt.

Und Elton Johns "I'm Still Standing"? Richtig überzeugend fällt die Qualität des Quellmaterials (CD-Auflösung) nicht aus. Überzeugend ist aber, was die B&W 606 daraus macht. Die Stimme ist zwar nicht besonders detailreich (was nicht an den mangelnden Fähigkeiten der Box, sondern an der Aufnahme liegt), aber dieses Überspitzte, zu Harsche, was wir leider schon öfters vernehmen mussten, fehlt hier beinahe völlig. Der straffe, lebendige Bassbereich und die auch hier wieder gute Räumlichkeit vervollständigen unsere Eindrücke. Richtig gut managt die 606 das kurze E-Gitarren-Solo: Spritzig und mit ordentlich Energie wird es im Hörraum platziert.

Diana Kralls Adaption von "Desperado" (Flac, 48 kHz/24-Bit) steht nun an. Klar und mit Struktur kommt das Piano zur Geltung. In Ansätzen ist sogar die Anschlagdynamik herauszuhören, erstaunlich. Dianas Stimme hat eine sehr hohe Ausdruckskraft für die Preisklasse, in der sich die 606 befindet. Auch die Streicher werden harmonisch integriert, während es die B&W-Box stets schafft, die Stimme akkurat zu fokussieren. Sehr kultiviert und zugleich dynamisch, was der Lautsprecher hier "auf die Beine" stellt.

Auch bei "California Dreamin", ebenfalls von Dianas "Wallflower" Album mit Cover-Versionen legendärer Titel anderer Interpreten, legt sich die 606 mächtig "ins Zeug". Wieder mit einer sehr guten Einarbeitung der Streicher, einer facettenreichen Stimmwiedergabe, aber ganz besonders mit einem kräftigen, treffsicheren Bass. Kontur, Nachdruck, Staffelung der einzelnen Ebenen: Durchweg hervorragend, ohne Abstriche.

In 96 kHz/24-Bit (Flac) lauschen wir nun "Flowers Of Sendai" vom Jan Lundgren Trio. Der Hochtöner der 606 präsentiert sich hier von seiner besten Seite, denn er realisiert eine beachtlich gute Auflösung. Die Regalbox ist in einer günstigen Preisklasse, das darf man nie vergessen. Zieht man das mit ins Kalkül, so verblüffen Durchzeichnung und Räumlichkeit im Hochtonbereich wirklich. Die Impulstreue leidet auch bei den schnellen Klavier-Einlagen nicht. Man hat zu jeder Zeit den Eindruck einer kompletten und zugleich kultivierten Wiedergabe.

Jonas Kaufmann singt "Nessun Dorma" aus Puccinis "Turandot" - in Flac 96 kHz/24-Bit. Und die B&W 606 zeigt auch hier Klasse. Denn das faszinierende Spektrum von Jonas' Stimme bildet der Lautsprecher mit überraschender Feinfühligkeit ab. Warum "überraschend"? Nun, die 606 ist kein Regal-Schallwandler, der 800 EUR oder mehr pro Stück kostet, sondern lediglich knapp 350 EUR. Und dafür ist das Leistungsvermögen, auch bei der Integration der orchestralen Elemente (besonders der Streicher) und des Chor-Gesangs extrem gut.  Für Klassik- und Jazz-Liebhaber mit Sinn für ein besonders gutes Preis-/Leistungsverhältnis empfiehlt sich die 606 auf jeden Fall.

Nun wird es "modern" - mit "Be My Now" von Gestört aber Geil (CD-Qualität). Schauen wir, ob die 606 auch hier so gut abschneidet. Sie macht das mit einer wiederum sehr guten Stimmpräsentation, und auch der Aufbau des Tracks gelingt überzeugend. Wie sieht es hier mit dem Bass aus? Gut, aber hier vermissen wir ein bisschen etwas. Unten herum ist sogar, wo man es nicht erwartet, Substanz da, aber im mittleren Bassbereich fehlt es etwas an energischem Zupacken.

Wie sieht es mit Steve Aokis "Midnight Hour" Remix von Michael Jacksons "Thriller" aus (CD-Qualität)? Hier zieht die 606 praktisch alle denkbaren Register: Sehr pegelfest, souverän, kraftvoll, dynamisch. Das geht in diesen Preisklassen kaum noch besser. Bei diesem Track überzeugt uns die 606 besonders, da sie auch jede Facette des schnellen Rhythmus zum Ausdruck bringt, und allzeit signalisiert: In diesem Titel steckt Energie. Plötzliche Wechsel in der Gesamtdynamik, kurze Breaks - all das wird mit einer Gelassenheit gemeistert, die man sonst nur für teureren Lautsprechern kennt.

Es folgt "On The Line" von Julian Peretta im HUGEL-Remix. Schon direkt den Beginn gibt die 606 mit tadelloser Klarheit wieder. Die Stimme gibt sich frei, verteilt sich gleichmäßig im Hörraum und trennt sich sauber vom akustischen Rest. Die schon öfters gelobte Bassqualität ist hier überdeutlich präsent. Die 606 schiebt entschlossen an, bleibt zugleich stets sehr präzise, und das auch noch bei hoher Lautstärke.

Konkurrenzvergleich

Die KEF R300 sieht deutlich edler aus und ist mit knapp 1.300 EUR Paarpreis (September 2016) doppelt so teuer. Mittlerweile hat KEF die neue, akustisch enorm aufwändig überarbeitete R-Serie vorgestellt, und das ist auch gut so. Denn akustisch rückt die preiswerte 606 der R300 bedrohlich nahe. Transparenz, Lebendigkeit, Stimmwiedergabe sind auf ähnlichem Level, die Basskraft sogar ausgeprägter.

Wie sieht es mit der Dali Zensor 3 aus, die uns im Test damals überzeugen konnte? Lediglich 209 EUR kostet die dänische Einsteiger-Box pro Stück. Dafür sind die Leistungen auch nach wie vor ausgezeichnet. Klar und kraftvoll agiert die Zensor 3 und lässt für den niedrigen Kaufpreis kaum einen Wunsch offen. Die B&W 606 demonstriert aber auch, dass sie zurecht teurer ist. Der Bass zeigt noch mehr Struktur, die Höhen lösen feiner auf und das gesamte Klangbild wirkt mitreißender.

Wer einen optisch flachen, sehr attraktiven und zugleich hochwertig verarbeiteten kompakten Lautsprecher sucht, kann zur SAXX CX25 greifen, die 299 EUR pro Stück kostet und einmal einen komplett anderen Entwurf zur 606 darstellt. Akustisch solide und angenehm, sollte man als Freund kräftiger Bässe aber doch einen aktiven Subwoofer zusätzlich aufstellen, denn unten herum im Bassbereich fehlt es bauartbedingt etwas. Für den fairen Kaufpreis ist die CX25, die auch im Hochtonbereich prima auflöst, aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Die Quadral Argentum 530 ist günstig zu haben und technisch aufwändig: Ein echter 3-Wege-Regallautsprecher, das gibt es gerade in dieser Preisliga selten. Einfach verarbeitet, aber umfassend und erwachsen klingend, erweist sich die Argentum als unangenehmer Konkurrenz. Die B&W 606 hält vor allem mit ihrem wuchtigen, dynamischen Bass entschieden dagegen - und sie ist sogar noch eine Idee pegelfester.

Fazit

Die B&W 606 dürfte für einen Stückpreis von rund 350 EUR viele Käufer abgreifen. Großer Name, große Leistung - bei der 606 stimmt das Gesamtpaket. Mit überraschend feinem Auflösungsvermögen im Hochtonbereich, lebendigen Mitten und einem gleichermaßen präzisen wie kraftvollen Bass empfiehlt sich der britische Regallautsprecher als wahrer Universalist, der souverän mit praktisch allen Musikrichtungen klar kommt. Die fürs Geld ausgezeichnete Verarbeitung vervollständigt den Gesamteindruck. Die optional lieferbaren Lautsprecher-Ständer sind edel, aber auch in Relation zum Kaufpreis der 606 sehr teuer.

Preislich fair, optisch attraktiv, akustisch stark: Die Bowers & Wilkins 606 leistet sich keine Schwäche

Test: Carsten Rampacher
Fotos: Sven Wunderlich
Datum: 05. Oktober 2018

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