SPECIAL: Wegen welchen Features braucht man wirklich einen neuen AV-Receiver?

Die Hersteller möchten dem versierten Heimkino-, Mehrkanal- und Multimedia-Freund gerne plakativ verdeutlichen, dass eigentlich kein Weg am Kauf eines neuen AV-Receiver vorbeiführt. Interessante Multiroom Audio-Features vor allem sollen es sein, die einen Neukauf rechtfertigen. Der AV-/Mehrkanal-Receiver als Mittelpunkt einer Multiroom Audio-Streaming-Lösung – rechtfertigt das den Kauf eines neuen Gerätes? Oder was sind wirklich die in der Praxis relevanten Vorzüge aktueller AV-Receiver? Wir haben versucht, diesen Themenbereich kurz zu analysieren. 

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Schöner, preislich fairer 2017er AV-Receiver: Yamaha RX-V583

Hand aufs Herz – so schön MusicCast, Heos, oder auch Fire Connect sind, wer verwendet diese Features tatsächlich in der Praxis bei einem AV-Receiver? Nicht selten steht dieser auch in einem dedizierten Heimkinoraum, und im Vordergrund steht meist die akustische Performance, manchmal noch das Video-Management. Dass beliebte Musikdienste gestreamt und High Res-Audio-Dateien wiedergegeben werden können, ist durchaus schön, aber die Integration in ein Multi Room Audio-System dürfte nicht unbedingt der Grund sein, warum man einem versierten Heimkino- und Surround-Freund zu einem Neukauf überreden könnte. 

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Natürlich mit dts:X und Dolby Atmos: Der brandneue Onkyo TX-NR676E

Wichtiger erscheinen uns hier die objektbasierten Audioformate, wobei auch diese einer Ergänzung bedürfen. Während Dolby Atmos mittlerweile auf dem Markt angekommen ist und vom Mehrkanal-Freund durchweg akzeptiert wird, ist es um die Marktdurchdringung von dts:X noch nicht so gut bestellt. Natürlich „kauft“ man nicht nur den eigentlichen Decoder, sondern auch den Audio-Upscaler, der bei Dolby schlicht „Dolby Surround“ und bei dts:X „dts Neural:X“ heißt. Beide Algorithmen, die normales, kanalbasiertes Material, z.B. in dts HD oder Dolby True HD, unter Miteinbeziehung der Height-Lautsprecher (an der Decke befindlich oder in Form von den sehr beliebten Top Firing-Modulen) hochskalieren, überzeugen durch ihre erstklassige Arbeitsweise. Noch universeller agiert Dolby Surround, selbst Stereo-Material wird in ordentlicher Qualität zum Beispiel auf 5.1.4 hochskaliert. Das funktioniert bei dts Neural:X nicht überzeugend und ist daher auch nicht zu empfehlen. Fazit: Eigentlich reicht derzeit ein Dolby Atmos-Decoder, wer absolut zukunftssicher unterwegs sein möchte, kauft einen AV-Receiver mit Dolby Atmos und dts:X. 

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Natürlich mit Quad Core-Prozessor: 9-Kanal-AV-Netzwerk-Receiver Denon AVR-X4300H

Aufgrund der Arbeitsweise von objektbasierten „Immersive Sound“ Tonformaten braucht der AV-Receiver deutlich mehr Rechenleistung, Quad Core-CPUs sind mittlerweile Standard, selbst in bürgerlichen Preisklassen. Von diesem Plus an Rechenleistung, welches zum Beispiel für die Verteilung der einzelnen Audio-Objekte in Echtzeit aufs angeschlossene Lautsprechersystem sicherstellt, profilieren auch andere Faktoren. So steigt die Präzision beim automatischen Einmessen und beim Room Equalizing. Also ist es auch aus diesen Gesichtspunkten durchaus empfehlenswert, einen AVR mit dem Decoding objektbasierter Audioformate neu zu kaufen. Ob es das allerneueste Modell sein muss? Wie schon oben erwähnt, eigentlich ist derzeit Atmos genug. Aber: Nicht jeder ältere AV-Receiver mit Dolby Atmos-Decoder ist dafür ausgelegt, den Dolby Surround-Upmixer auch für dts-Tonspuren zu verwenden. Von welchen AV-Receivern empfehlen wir, Abstand zu nehmen, weil dann das Audio-Upscaling bei dts-Tonspuren nicht zu verwenden ist. Wenn es hingegen funktioniert, kann man auch bei dts-Tonspuren Dolby Surround als Upmixer einsetzen. 

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Auro 3D setzte sich trotz hochwertiger Technik nicht durch

Auch, wenn D&M daran festhält: Es lohnt sich – trotz des zweifelsohne ausgezeichneten Auro-Matic Upmixers – kaum, 150 EUR für das online erhältliche Upgrade auf Auro-3D auszugeben. Auro-3D-Software mit nativer Abmischung ist rar gesät, und wir gehen nicht davon aus, dass sich diese Situation zukünftig deutlich ändern wird. Demnach ist Auro-3D kein Feature, das man wirklich braucht. 

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Mit digitalen Hochleistungsendstufen: Pioneer SC-LX901

Wie sieht es akustisch aus? Hier ist ein für die analogen Pendants bedrohlicher Anstieg der Güte digitaler Endstufeneinheiten, wie sie zum Beispiel in den großen Pioneer und Onkyo Mehrkanal-Receivern verbaut, zu verzeichnen. Nicht nur pegelfest und effizient, das ist nichts Neues, sondern auch extrem homogen und kultiviert abgestimmt, man merkt deutlich den Entwicklungsaufwand, der sich zweifelsohne auszahlt. Die Anbieter wie D&M oder Yamaha, die noch auf analoge Endstufen setzen, sind nicht „hintendran“, aber mittlerweile ist es eine Frage der jeweiligen Auslegung und Sorgfalt bei der Integration, was besser klingt. Früher konnten sich gerade Musikliebhaber kaum für digitale Endstufeneinheiten erwärmen, mittlerweile dürfte auch der versierte Klassik-Fan sich mit dieser Technik anfreunden können. Bei den kleineren/mittleren AVRs, Preisliga grob 400 bis 800 EUR, dominieren nach wie vor klassische analoge Endstufen. Hier hat sich akustisch viel getan, als die ersten Modelle mit Atmos-Decoder kamen, was wie erwähnt auch an höher wertigen, schnelleren DSPs lag. Auch, dass die D/A-Wandler immer präziser agieren, ist bereits in der Liga ab ca. 500 EUR der Fall. Die eigentlichen Parts in den Endstufen haben sich qualitativ nicht weiter nach vorn entwickelt. 

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Immer noch eine große Hilfe: Der D&M Einrichtungsassistent, hier beim Marantz SR6011

Was die Ersteinrichtung angeht, so sind die Einrichtungsassistenten (z.B. entweder im Gerät wie bei D&M oder Pioneer&Onkyo oder per App wie bei Yamaha) nicht so gravierend verändert oder verbessert worden, dass sich aus diesem Grund ein Neukauf lohnt. Bei etwas älteren Pioneer-Mehrkanal-Receivern funktionierte die Einrichtungshilfe noch per separater App, erst, seitdem Pioneer&Onkyo-AVRs das bis auf Minimalitäten identische Bedienkonzept aufweisen, ist auch bei Pioneer der Ersteinrichtungsassistent „on Board“.

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Hi-Res-Audio, besonders die FLAC-Wiedergabe, ist mittlerweile Standard

Lohnt sich ein Neukauf wegen Hires-Audio? Nun, hier sollte Flac bis 192/24, ALAC bis 96 kHz/24-Bit, AIFF bis 192 kHz/24-Bit und WAV bis 192/24 unterstützt werden. Auch DSD (2,8/5,6 MHz) ist wünschenswert. Quad-DSD (11,2 MHz) ist nett, braucht man in der Praxis aber eher selten. Die Hi-res-Features finden sich teilweise auch schon bei älteren AVRs, darum braucht man kein 2017er oder 2016er Modell, sondern kann auch zu einem gut erhaltenen gebrauchten 2015er Modell greifen, wenn man Geld sparen oder fürs gleiche Geld ein größeres Modell erwerben möchte. 

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Pioneer: Spotify, Deezer, Tidal etc.

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Yamaha: Zahlreiche Dienste und Multimedia-Features werden über die MusicCast App gesteuert

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HEOS-Integration mit zahlreichen Streaming Services bei Denon

Bei den Streaming-Diensten/Internet Radio/Multimedia-Merkmalen wird meist Spotify/Spotify Connect unterstützt, ebenso Apple AirPlay. Bluetooth und WLAN sind nicht erst seit 2017, sondern meist schon seit 2015 Standard. Oftmals wird seit einiger Zeit auch Tidal unterstützt. Deezer ist ebenfalls gut vertreten. 

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Eine moderne HDMI-Sektion mit HDCP 2.2/4K HDMI-Anschlüssen ist ein modernes Merkmal, hier z.B. beim Yamaha RX-V2060

Wie sieht es mit den HDMI-Anschlüssen aus? Wer zum Beispiel einen Ultra HD Player mit zwei HDMI-Ausgängen besitzt, muss sich keine Sorgen machen, selbst wenn der AV-Receiver keine HDMI-Ports mit HDCP 2.2/HDR/BT.2020 mitbringt. Denn dann legt man eine HDMI-Leitung vom Ultr HD Blu-ray-Player zu entsprechend kompatiblen Ultra HD-TV, und eine zweite HDMI-Leitung für die reine Audiosignal-Übertragung zum AV-Receiver. Anders sieht es aus, wenn man noch eine Ultra HD Settop-Box und eine Ultra HD-taugliche Spielekonsole verwendet. Dann hat man einige Quellen, und hier sollte dann ein AV-Receiver mit einer entsprechenden Anzahl von HDMI-Terminals aktueller Spezifikation angeschafft werden. Extrem teuer wird das nicht, schon für Marktpreise von rund 500 EUR sind AVRs erhältlich, die mehr als genug HDMI-Anschlüsse modernster Ausprägung haben. 

Was 2017 interessant wird: Wer Wert auf die Unterstützung von Dolby Vision legt, kann sich freuen, denn dass dieser HDR-Standard zusätzlich zu HDR10 auch vom AVR noch unterstützt wird, bürgert sich wohl ein. Das wird besonders die stolzen Besitzer von LG OLEDs ab Modelljahr 2016 ein Grinsen ins Gesicht holen, da die hochwertigen LG-TVs Dolby Vision unterstützen. Ein 2017er AV-Receiver muss man wegen Dolby Vision nicht zwingend kaufen. D&M zum Beispiel hat ein entsprechendes Update für ältere Modelle angekündigt. Wichtig: Oft ist Dolby Vision noch nicht sofort an Bord, sondern wird per Update später „serviert“. 

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ISF-Bildfelder zeichnen verschiedene D&M-Receiver aus

Lohnt sich der Neukauf eines Mehrkanal- oder AV-Receivers wegen der Fähigkeiten als Video-Prozessor? Diese Frage muss in den meisten Fällen mit „nein“ beantwortet werden, da aktuelle AV- und Mehrkanal-Receiver teilweise kaum noch Processing-/Upscaling-Fähigkeiten mitbringen, gerade bei Pioneer und Onkyo. Von der 600 EUR-Liga bis hin zu den 3.000 EUR 11-Kanal-Luxuslinern gibt es nur noch eine Funktion, und diese umfasst als Upscaling von Full-HD auf 4K. Es ist kein De-Interlacer mehr an Bord. D&M- und Yamaha-AV-Receiver hingegen haben nach wie vor ab einer bestimmten Preisklasse noch eine vollwertige Videosektion mit Upscaling und De-Interlacing von 480/576i, 720p, 1.080i und 1.080p auf bis zu 4K. Bei AVRs gehobener Preisklassen können sogar analog eingehende Videosignale hochgerechnet werden. Und nicht nur das: D&M-Modelle bringen sogar einen guten Video-EQ, der auch vorgefertigte ISF-Bildfelder hat, mit (ISF Day und ISF Night). 

Fazit: Unter gewissen Umständen kann ein Neukauf durchaus lohnen. Ob es ein 2016er oder 2017er Modell sein muss? Nicht zwingend, da es noch hervorragende, absolut zeitgemäße AV-/Mehrkanal-Receiver aus 2015 gibt, die akustisch und auch hinsichtlich der Ausstattung noch voll auf der Höhe der Zeit sind. Es lohnt immer ein Preisvergleich vor dem Kauf, und manch „großer“ älterer AV-Receiver ist heute zum sehr interessanten Kurs zu bekommen. 

Special: Carsten Rampacher
Datum: 13. April 2017




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