SPECIAL: Arcam-History und Höreindrücke der Stereoverstärker A19/A29/A39/A49

Bei unserem Besuch bei Arcam in Waterbeach, Cambridgeshire, England, konnten wir uns ausführlich von der akustischen Qualität der aktuellen Stereo- und Multichannel-Produkte der FMJ-Serie überzeugen. Der Testraum im Headquarter (in dem nicht produziert wird) entspricht militärischen Sicherheits-Spezifikationen. Früher gehörte das Gebäude zum britischen Verteidigungsministerium. Der Raum ist komplett akustisch optimiert mittels Absorbern. Bestückt ist er mit KEF R300 Kompaktlautsprechern (Front L/R), KEF R600 Center, KEF T302 Surround/Surround Back, sowie KEF T310 Decken-Module fnür Atmos (On Wall). Hinzu kommt ein aktiver Subwoofer von MJA Acoustics. Der Raum ist optimiert für vorderen mittleren Platz.

Arcam A60 2

A60, erster Arcam-Verstärker, von innen

Arcam A60 1

A60 von außen

Bevor wir in die Hörtestreihen mit den neuen Stereoverstärkern, eingestiegen sind, gab es noch etwas History. Im Jahre 1976 wurde Arcam von John Dawson. Gegründet. Der Founder war, wie es sich gehört, auch auf einem der berühmten Cambridge-Colleges: auf dem Trinity College. Zu der Zeit, als Arcam gegründet wurde, war HiFi generell sehr wichtig. Die HiFi-Anlage war einer der Lebensträume, ebenso wie Haus, Auto und TV). Cambridge und Umgebung waren zur damaligen Zeit das „Silicon Valley des HiFi“. Das erste Arcam-Produkt war der Vollverstärker A60, von Hand zusammengebaut, mit 40 Watt pro Kanal. Der strikt auf den kürzesten Signalweg optimierte, saubere Innenaufbau und der große Ringkerntrafo kennzeichnen den A60 noch heute. Nach 2 Jahren brachte Arcam einen passenden Tuner dazu auf den Markt. Besonderes Kennzeichen des Tuners waren die 5 Presets.

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Arcam-DAC von innen

Weitere Meilensteine von Arcam waren der erste D/A-Konverter für Consumer (1989, für 650 Dollar, Black Box 1) mit 16-Bit Genauigkeit, sowie das weltweit erste Kassettendeck mit Dolby S (Delta 100). Der Name „Arcam“ steht für „Amplification &Recording“ und das „Cam“ für die Heimat Cambridge.

Das „A&R“ könnte allerdings auch für„Authentic & realistic Sound“ stehen – dem Kennzeichen von Arcam. Bei Arcam sieht man eine hochwertige Stromversorgung als den Anfang von gutem Klang. Zweiter Punkt: Optimale Arbeitsbedingungen für den D/A-Konverter. Es kommt stets darauf an, wie der DAC genutzt wird, weniger, von welchem Hersteller er ist. Sondern es geht um die Umgebung, rund um den D/A-Konverter.

Wenden wir uns nun den aktuellen Stereo-Produkten zu.

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A19, kompakt und flach

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Fronteingänge beim A19

Der A19 (900 EUR) ist dank des abgeschirmten Sandwich-Gehäuses sehr hochwertig für seine Preisklasse. Integriert ist eine Stromversorgung für 2 D/A-Konverter der rSerie. Die konstante Leistungsausgabe (20Hz – 20kHz bei 0,5% THD) pro Kanal, beide Kanäle, 8Ω, 20Hz – 20kHz, liegt bei 50W. Wird ein Kanal, bei 4Ω und bei 1kHz, ausgesteuert, werden 90W geliefert. Phonoeingang, und ein besonders hochwertiger Kopfhörerausgang sind an Bord. 8,5 kg wiegt der A19. Er ist 432 mm breit, 275 mm tief und nur 85 mm hoch.

Bei verschiedenen Musikstücken überzeugt uns der Verstärker mit hoher Impulstreue, einer feinen räumlichen Differenzierung und einem angenehm authentischen Klang. Speziell bei Loud Reeds „Walking On The Wild Side“ fallen uns die sehr gute Detaillierung der Stimme und die feine Staffelung aller akustischen Elemente auf, so überzeugt die Darstellung der Gitarre ganz besonders.

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A29

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Der A29 ist der kleinste Class G Stereo-Verstärker

Der A29 (1500 EUR) ist ein Class G-Verstärker, der ebenso wie A19 und A39 außergewöhnlich kompakt gehalten ist. Der Arcam A29 offeriert eine Leistung von 2×80 Watt an 8 Ohm-Lautsprechern 175 Watt pro Kanal sind es an 4-Ohm-Lautsprechern. Optisch tritt das Gerät mit zentralem Lautstärkedrehregler aus Aluminium und dem Arcam-typischen grünen Display schlicht, elegant und zeitlos auf.

Sechs Cinch-Eingänge finden sich auf der exzellent verarbeiteten Rückseite, zusätzlich verfügt der Vollverstärker über eine Phono-Vorstufe. Ein Record Out sowie ein Pre Out komplettieren das Anschlussangebot, sodass der Arcam A29 Stereo Integrated Amplifier z.B. auch als Verstärker in einem AV-Setup genutzt werden kann.Arcam-Spezialität: Auf der Rückseite sind zwei Anschlüsse, um externe Lösungen mit Strom zu versorgen: Einen USB-Port (5 V, 0,1 A) sowie einen so genannten „Accessory Power“, der 6 V und 0,5 A bereit hält. Edle und bestens verarbeitete Schraubklemmen für den Anschluss der Lautsprecher sind ebenfalls vorhanden. Auf der Front befindet sich ein AUX-Eingang in Form einer 3,5 mm Stereo Mini-Klinkenbuchse sowie ein Kopfhörer-Anschluss, ebenfalls ausgeführt als 3,5 mm Stereo Mini-Klinkenbuchse.

Kurz zur Class G-Technik. Ebenso wie ein Hybridauto implementiert Class G verschiedene Arten der Stromversorgung, anders als bei lediglich einer Stromversorgung. Wenn ein dynamisches Signal empfangen wird, das über die Kapazität der ersten Stromversorgung hinausgeht, greift die zweite Stromversorgung ein, was zur Folge hat, dass genau die Menge zur Verfügung steht, was benötigt wird, um dieses Signal optimal wiederzugeben. Nur, wenn sie zusätzlich benötigt wird, greift die zweite Stromversorgung ins Geschehen ein – ähnlich wie ein Turbolader, der sich erst ab einer bestimmten Drehzahl zuschaltet. Das Um- bzw. Zuschalten bei den Stromversorgungen erfolgt blitzschnell und unmerklich. Ein „Turboloch“ gibt es demnach nicht. Die erste Stromversorgung ist so ausgelegt, dass die Class G-Endstufe im puren, klanglich reinen Class A-Betrieb gefahren werden kann. Die zweite Stromversorgung wird nur verwendet, wie schon erwähnt, wenn sie tatsächlich benötigt wird. Dadurch wird auch keine dauerhafte Verlustwärme erzeugt, denn die zweite Stromversorgung läuft nur, wenn nötig.

Die akustische Präsentation beginnt mit Lou Reed, Walk On The Wild Side, FLAC 44,1 kHz, CD-Qualität: Hier besticht der A29 durch seine kraftvolle, atmosphärisch sehr dichte Wiedergabe. Er bringt noch etwas mehr Tiefe in die Darstellung, vergleichen wir mit dem A19. Auch die Ortung der Stimme auf der virtuellen Bühne ist noch etwas präziser, das gesamte akustische Bild erscheint noch stabiler. Der Bass hat etwas mehr Punch. Nun kommen wir zum zweiten Musikstück, das vorgeführt wird. „King Singers“, die den bekannten Song „American Pie“ Cover. Sechs Stimmen sind hier am Werk bei diesem A-Capella Stück. Fähigkeiten wie saubere Ortung und feine Ausprägung vokaler Konturen sind beim Titel in FLAC 44,1 kHz gefragt. Und wir werden nicht enttäuscht. Das Ansetzen der Stimme, das Abklingen und die Ausprägung der einzelnen Stimmen kommen enorm glaubwürdig heraus.

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Arcam A39

Nächster im Bunde ist der A39 (2100 EUR). Auch er ist ein Class G-Vollverstärker mit Ringkerntrafo sowie einem aufwändig gedämpften Gehäuse für beste akustische Eigenschaften. Die maximale Dauer-Ausgangsleistung (20Hz—20kHz bei 0,5% THD) beträgt für beide Kanäle bei 8Ω, 20 Hz—20kHz 120W. Bei einem Kanal, 4Ω bei 1kHz, liefert der A39 satte 240W. Der Verstärker bietet auch die zusätzliche Stromversorgung (2,21 mm DC-Anschluss, 6V/1A) und nimmt maximal 1 kW auf – alles andere als ein „Papiertiger“. Er wiegt 11,5 kg und ist 433 mm breit, 425 mm tief und 100 mm hoch.

Wir lauschen jetzt „Stone Shaker“ von FreQ (Trance-Track): Hier geht es richtig „zur Sache“, verschiedene akustische Effekte verteilen sich gleich zu Beginn mit feiner Auflösung im Hörraum. Der Rhythmus kommt mit enormer Impulstreue und gleichmäßiger Dynamik heraus. Der Bass präsentiert sich nachdrücklich und kraftvoll, aber stets kontrolliert. Bei forciertem Pegel generiert der A39 souverän reichhaltige Kraftreserven. Limitierender Faktor sind hier klar die kompakten KEF R300 Lautsprecher, die den sehr couragiert agierenden A39 gerade bei der Basswiedergabe etwas einbremsen. Mit toller, sich akkurat ausbreitender Räumlichkeit beweist uns der A39 ebenfalls sein Können. Treffsicher arrangiert er auch kleine dynamische Unterschiede.

Nun folgt klassische Musik (Simple Symphony von Benjamin Britten). Auch hier zeigt der A39 Klasse. Die Streicher sind fein durchzeichnet, auch in den Solo-Passagen. Greift das gesamte Orchester ein, ist ein kraftvoll-fundiertes, sehr stabiles und vielschichtiges Klangbild herauszuhören. Wie beim völlig anders gearteten, ersten Beispiel imponiert auch hier das Management kleiner dynamischer Unterschiede. Hier setzt sich der A39 zudem hörbar von A19 und A29 ab. Das hört man selbst mit den KEF R300 Lautsprechern.

Arcam A49 1

A49 für knapp 5.500 EUR

Exklusiv wird es beim A49 (5500 EUR). Er setzt, was man in Anbetracht der Preisklasse auch erwarten kann, auf streng selektierte Baugruppen. Der A49 ist ein Class G-Verstärker, der an 8 Ohm, 20 Hz bis 20 kHz, üppige 200 Watt an Leistung zur Verfügung stellt. Parallel arbeitende Transistor-Endstufen, ein komplett symmetrischer sowie kürzestmöglicher Signalweg kennzeichnen diesen erstklassigen Vollverstärker ebenso wie ein aufwändiges, steifes Gehäuse, das sich jeder Vibrationen enthält. Doppelte Mono-Lautstärkeregler, eine massive Verarbeitung und eine enorme Anschlussauswahl sind ebenfalls Merkmale. Die für die anderen Modele typische Möglichkeit zur Zusatzstromversorgung ist natürlich auch Kennzeichen des A49. Er wiegt 19,7 kg und ist 433 mm breit, 425 mm tief und 171 mm hoch. Auf der Rückseite finden sich enorm hochwertige Lautsprecherkabel-Anschlussterminals und eine XLR-Beschaltung.

Der A49 ist das absolute Top-Modell – kann er uns das an den recht preisgünstigen KEF R300 akustisch verdeutlichen? Bei Lou Reeds „Walking On The Wild Side“ zeigt sich das Können das Top-Modells in noch feineren vokalen Konturen, noch besserer Trennung von Stimmen und Instrumenten und noch feinerer räumlicher Ausbreitung auch kleiner akustischer Elemente. Nun kommt Muddy Waters „Big Leg Mom“ in HiRes – hier spielt der A49 sein enormes Auflösungsvermögen sehr überzeugend aus. Hervorragend ist es um die Räumlichkeit der Stimme bestellt. Das exzellente Differenzierungsvermögen ist typisch gerade für Arcam-Topmodelle – ebenso die sehr weitläufige, gleichzeitig enorm präzise räumliche Präsentation. Bei „Roxanne“ von The Police brilliert der zupackende, aber gleichzeitig extrem kultivierte Bass und die Impulstreue, die mit zum besten gehört, was wir bislang gehört haben. Immer Herr der Lage, kontrolliert der A49 das akustische Geschehen bis hin zu kleinen klanglichen Details, mit einer Gelassenheit, die dem Hörer Freude macht. Hier geht mit entsprechend dimensionierten Lautsprechern noch viel mehr, da sind wir uns sicher. Auch bei „Riders On The Storm“ von The Doors beweist sich der A49 als absolutes Ass, wenn es darum geht, dicht und authentisch wiederzugeben. Der ganze Charme des legendären Songs wird vom ambitionierten Hörer regelrecht „aufgesogen“. 

Die Krone erstklassigen Stereo-Genusses wird erreicht, wenn man zwei der uns wohl bekannten P49 im Bridge-Modus betreibt und diese an den A49 anschließt. Wir hören „Stone Shakers“ und die „Simple Symphony“ sowie „The Things You Said“ von Depeche Mode. Und was Feindynamik, Antrittsschnelligkeit und die Darstellung der kompletten musikalischen Strukturen angeht, werden hier enorme Ansprüche souverän erfüllt – selbst schon an den KEF R300, die aber auch zeigen, wie gut preislich absolut bürgerliche Kompaktboxen sein können, wenn sie nur die richtige Zuspielung erfahren. 

Special: Carsten Rampacher
Datum: 23. November 2015




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