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Sender-Restriktionen bei HD+ ohne Nutzen? – Neue TV-Quoten-Messung stellt Relevanz von „Ad-Skipping“ in Frage

Bei ihren HDTV-Ausstrahlungen über die neue Satellitenplattform HD+ wollen sowohl RTL als auch ProSiebenSat.1 das Überspringen von Werbeblöcken unterbinden. Das wird durch die Verschlüsselung und spezielle Lizensierungskriterien erreicht, die Geräte für den Empfang von HD+ erfüllen müssen. Zwar sollen Aufnahmen auch auf digitalen Festplattenrecordern möglich sein, die zeitversetzte Wiedergabe soll aber auf diesen Geräten nur in Echtzeit erlaubt werden, damit Werbeblöcke nicht übersprungen werden können.

Das ist im Ansatz durchaus verständlich, da sich TV-Sender durch Werbung finanzieren und dieses Geschäftsmodell auf Dauer nur dann funktionieren kann, wenn die Werbeblöcke auch wirklich angeschaut werden. Das Szenario des Quotenverlustes durch die Nutzung von DVD- und Festplattenrecordern wurde bereits längere Zeit an die Wand gemalt – ihm fehlt in der Praxis aber derzeit die Grundlage.

Denn während in den USA der "TiVo" bereits zum Synonym für das zeitversetztes Fersehen geworden ist, scheinen die deutschen Couch-Potatoes bislang nur in geringem Maße Fernsehen von der Festplatte oder dem DVD-Recorder zu konsumieren.

Den Beleg dafür lieferte in dieser Woche die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF), einem Zusammenschluss von ARD, ZDF, RTL und Sat.1, die seit einigen Monaten bei der GfK-Messung der TV-Quoten der einzelnen Sender nicht nur die Live-Betrachtung sondern auch die zeitversetzte Wiedergabe von TV-Aufnahmen sowie die Außerhaus-Nutzung z.B. bei Freunden berücksichtigt.

Laut den von RTL-Medienforscher Matthias Wagner auf dem AGF Forum präsentierten Zahlen liegt der Anteil der zeitversetzten Nutzung derzeit im Schnitt bei lediglich 0,3 Prozent von der gesamten TV-Nutzung in Deutschland. Die Zuwächse bei der Sehbeteiligung, die die einzelnen Sender durch die neue Quotenmessung verzeichnen können, sind allesamt sehr gering: RTL konnte 0,5 Prozent mehr Zuschauer verzeichnen, VOX 0,2 Prozent, ProSieben 0,3 Prozent und Sat.1 0,2 Prozent.

So lautet auch das Fazit Wagners: "Auswirkungen der neuen Nutzungsformen (Außerhaus und zeitversetzt) auf das Marktanteilsranking der Sender sind nicht spürbar. Das Gesamtvolumen liegt bisher etwas unter dem Erwartungswert".

Den größten Zugewinn mit 0,7 Prozent durch die neue Quotenmessung konnte der Öffentlich-Rechtliche Kinderkanal Kika verzeichnen, der aber auf Werbeeinnahmen gar nicht angewiesen ist.

In Anbetracht der ernüchternden Ergebnisse der neuen Quotenmessung erscheint es fragwürdig, warum die Privatsender trotzdem so auf die Blockade des "Ad-Skipping" pochen obwohl laut den im eigenen Auftrag erhobenen Zahlen lediglich ein verschwindend geringer Anteil der TV-Haushalte derzeit überhaupt zeitversetztes Fernsehen nutzt. 51,4 % der zeitversetzten Nutzung wird sogar immer noch über den klassischen Videorecorder erzeugt – mit dem sich HD+ ohnehin nicht empfangen lässt.

Trotzdem stehen die Sender weiterhin zu den beabsichtigten Restriktionen bei HD+. RTL-Sprecher Christian Körner teilte auf Anfrage mit:

"Heute mag die Verbreitung entsprechender Receiver noch überschaubar sein – oder ihre Auswirkung auf das Nutzungsverhalten. Nur unsere Aufgabe ist es, sicherzustellen, dass unser Geschäftsmodell nicht nur heute, sondern auch morgen und übermorgen noch sicher ist. Unser Job ist es, nicht drauf zu warten, dass ein Schaden entsteht, um ihn dann beginnen zu reparieren, wenn es vermutlich zu spät ist. Andere Industrien haben das vorgemacht, und wir haben nicht vor, Fehler wie diese zu wiederholen. Die Digitalisierung birgt viele Chancen, die wir nutzen, aber eben auch Risiken. Wenn wir zulassen, dass Werbung bei "Wer wird Millionär?" oder "Dr. House", bei der "Formel 1" oder "Doctors Diary" übersprungen wird, dann nehmen wir in Kauf, dass es hochattraktive Inhalte wie diese irgendwann nicht mehr gibt. Und das haben wir nicht vor, im Gegenteil."

 

 

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