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Kino-Kritik: “Der Hobbit: Eine unerwartete Reise” in HFR 3D mit 48 Bildern pro Sekunde

Peter Jackson macht mit "Der Hobbit" aus dem eher märchenhaft erzählten und im englischen Original nicht einmal 300 Seiten langen Kinderbuch von J.R.R. Tolkien einen Dreiteiler, der im ersten Teil "Eine unerwartete Reise" mit viel Fantasy-Action aufwartet und knapp 170 Minuten Laufzeit bietet. Da Tolkien im Buch vieles in sehr kurzer Form ohne viel Detail abhandelt oder auch teilweise nur am Rande erwähnt, ergibt sich eine Menge Interpretationsspielraum, wie man die Handlung des Buchs in einem Film gewichtet und Jackson hat sich auch einige Freiheiten herausgenommen, die Geschichte zu erweitern und auch die Figuren aus der von Tolkien erst später geschriebenen "Herr der Ringe"-Trilogie stärker zu integrieren. Damit bietet Jackson der Fangemeinde für viele Jahre mit dem "Hobbit" noch mehr Gesprächsstoff als beim "Herrn der Ringe", ob diese filmische Interpretation dem Buch gerecht wird oder nicht. Das hängt natürlich vor allem damit zusammen, dass eine ähnlich rasante Inszenierung der Handlung des Buches sicherlich auch in einem einzigen Film möglich gewesen wäre, man sich wohl von einem Dreiteiler und den zusätzlichen "Extended Editions" auf Blu-ray Disc aber höhere Einnahmen verspricht.

Der erste Teil von Jacksons "Hobbit"-Trilogie ist zugleich der erste Kinofilm, der mit "High Frame Rate" in 3D gedreht wurde. Dabei kommen statt der im Kino üblichen 24 Bilder pro Sekunde 48 Bilder pro Sekunde im Einsatz. In einigen ausgewählten Kinosäälen mit entsprechender Projektionstechnik ist "Der Hobbit" auch in Deutschland als 2k-Projektion mit HFR in 3D zu sehen. Als wesentliche Argumente für HFR werden vor allem eine flüssigere Bewegungsdarstellung und auch eine höhere Bewegungsschärfe vorgebracht.

Gerade am Anfang des "Hobbits" hält sich die Begeisterung für HFR noch in Grenzen. Man bekommt den Eindruck, als ob Jackson direkt einen Technik-Showcase bieten möchte und die vielen schnellen Kamerafahrten und hektischen Schnitte lassen die Bewegungen oft so wirken, als ob nicht einfach nur die doppelte Bildfolge zu sehen wäre, sondern der ganze Film auch ein wenig schneller liefe. Zudem ist auch die Kameraführung stellenweise etwas unruhig und das dabei auftretende leichte Ruckeln bei gleichmäßigen Schwenks wirkt störend. Seitliche Bewegungen wirken zwar butterweich, aber wie bereits bei ersten Vorab-Screenings kritisiert, ergibt sich oft auch der visuelle Eindruck einer TV-Produktion. Der typische und sich von der Realität, die man mit seinen eigenen Augen wahrnimmt, unterscheidende Kino-Look, der den Zuschauer in die Handlung eintauchen und diese als etwas fiktives erleben lässt, fehlt hier. Der gesteigerte Realismus führt zu einem ungewollten Effekt: Man nimmt den Film weniger als das wahr, was er sein soll, sondern vielmehr als das, was er tatsächlich ist: Video-Sequenzen von Schauspielern, die auf Sets in Neuseeland herumlaufen und vor der Kamera sprechen. Statt die Illusion des Kinos zu verstärken sorgt HFR beim "Hobbit" über weite Strecken eher für eine Ablenkung von der Handlung. Von Bewegungsunschärfen ist übrigens auch der "Hobbit" im HFR-Format nicht ganz frei, auch wenn diese nur an einigen wenigen Stellen auffallen.

Besser ist HFR bei den rein digitalen Bildsequenzen, die viel gleichmäßiger ablaufen und vor allem bei Weitwinkelaufnahmen, in denen der Zuschauer die gesamte Umgebung der Handlung zu sehen bekommt. So bietet der Film gerade in der letzten halben Stunde einige rasante rasante virtuelle Kamerafahrten aus der Ego-Perspektive, die den Zuschauer wie bei einem Videospiel hyperrealistisch mit in den Bildmittelpunkt zu ziehen scheinen. Dies zeigt, dass HFR durchaus Potential hat, aber wahrscheinlich eher bei ohnehin überwiegend digitalen Filmen wie z.B. der ebenfalls in HFR geplanten Fortsetzung von James Camerons "Avatar" oder den digitalen Animationsfilmen z.B. von Pixar oder Dreamworks, die gar nicht hyperrealistisch genug aussehen können.

Auf Blu-ray Disc wird "Der Hobbit" voerst nicht im HFR-Format veröffentlicht: Dafür gibt es bislang noch keinen Standard und wahrscheinlich wären auch neue Abspielgeräte erforderlich. Allerdings braucht man eigentlich auch kein HFR für das Heimkino, wenn man diese Optik bereits heute erleben möchte, denn die Consumer-Technik ist hier bereits der Zeit voraus und sorgt bereits seit einigen Jahren auf vielen Fernsehern und Videoprojektoren dafür, dass durch eine Berechnung von Zwischenbildern eine flüssigere Darstellung von Bewegungsabläufen sowohl mit Film-Material von Blu-ray Disc und DVD als auch ganz normalen TV-Bildern möglich ist. Insbesondere bei Geräten der gehobenen Preisklasse hat der Zuschauer hier auch oft die Möglichkeit, die Intensität der "Frame Interpolation" für sein persönliches Sehempfinden zu optimieren. Diese Möglichkeit bietet HFR im Kino allerdings leider nicht, so dass man sich nur dafür entscheiden kann, den Film in der vom Regisseur gewollten HFR-Darstellung zu sehen oder halt in eine normale Vorführung zu gehen.

Unabhängig vom zwiespältigen HFR-Erlebnis ist "Der Herr der Ringe – Eine unerwartete Reise" aber ein grandioses 3D-Erlebnis. Der Film bietet üppige Kulissen mit vielen Ebenen, die die räumliche Darstellung sehr realistisch wirken lassen. Dabei präsentiert "Der Hobbit" vor allem viel Tiefe, nutzt den Vordergrund aber nur dezent für die 3D-Optik aus. Es gibt aber zumindest eine sehr gelungene Szene mit einem Schmetterling zu sehen, der aus dem Bildschirm herausragt, mit der Peter Jackson doch für einen Moment den 3D-Einsatz noch einmal steigert.

Vielen Dank an Christian Moneke für die Korrekturhinweise!

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