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Interview: Torsten Nobst (Paramount Home Entertainment) zu den neuen FSK-Logos auf Blu-ray Discs und DVDs

Am 1. Juli 2008 ist das überarbeitete Jugendschutzgesetz in Kraft getreten. Dieses verpflichtet die Filmanbieter, die FSK-Kennzeichnungen noch größer als bisher auf den Verpackungen von Blu-ray Discs und DVDs abzudrucken. Vor allem müssen diese jetzt auf der Vorderseite der Verpackung erscheinen und verunzieren somit das gesamte Cover-Design. Die ersten Filme mit den neuen Covern sorgten bei Verbrauchern für Unmut und Beschwerden bei den Filmanbietern. Wir sprachen mit Torsten Nobst, Senior Production Manager bei Paramount Home Entertainment Germany über seine Erfahrungen mt den neuen FSK-Logos.

AREA DVD: Inzwischen sind bereits einzelne Neuveröffentlichungen mit den größeren FSK-Kennzeichnungen in den Handel gekommen. Welche Reaktionen haben Sie darauf von den Kunden erhalten?

Nobst: Wir haben bis jetzt sehr viele Emails, als auch Anrufe von erbosten Endverbrauchern erhalten. Wir verweisen hier an eine konkrete Anlaufstelle für diese Beschwerden. Diese lautet:

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
E-Mail: info@bmfsfjservice.bund.de 
Telefon: 0180 – 190 70 50

AREA DVD: Welche Auswirkungen haben die neuen FSK-Logos auf die Blu-ray Disc/DVD-Produktion? Ist dies nur ein finanzieller und organisatorischer Aufwand oder beinflusst dieser auch die Gesamtkalkulation und könnte dazu führen, dass einige Filme, die ohnehin nur eine kleine Klientel ansprechen, nicht auf Blu-ray Disc/DVD veröffentlicht werden? Wie wird der neue FSK-Aufdruck auf Sonderauflagen wie "Steelbooks" o.ä. aufgetragen, die ja in erster Linie wegen ihres Sammlerwerts gekauft werden.

Nobst: Die Umstellung auf neue FSK-Kennzeichnungen ist ein erheblicher Zeitaufwand, der die gesamte Industrie selbstverständlich auch finanziell belastet! Es geht ja nicht nur um die größeren FSK-Kennzeichnungen auf dem Sleeve, sondern auch um 4 Farbig gedruckte Kennzeichnungen auf der DVD/Blu ray selbst. Hinzu kommt, dass uns vom Gesetzgeber ab sofort vorgeschrieben wird, dass direkt vor dem Hauptfilm ein nicht überspringbarer Hinweis von mindestens 5 Sekunden Länge eingeblendet wird. Dieser sieht so aus:

 

Der BVV (Bundesverband Video) konnte mit dem Gesetzgeber eine Übergangsfrist bis 2010 aushandeln. Diese beinhaltet, dass Katalogware bzw. Ware, die sich im Handel befindet, bis 2010 die „alte“ FSK-Kennzeichnung tragen darf. Neue Produktionen müssen ab sofort umgestellt werden. Wie sich die neue Kennzeichnungspflicht auf z.B. Steelbooks auswirken wird, können wir noch nicht sagen. „Ablösbare Aufkleber“ bzw. Banderolen oder ähnliches dürfen wir für Stellbooks nicht verwenden. Selbst bei sog. Slimcases oder Digipacks reicht es nicht, wenn auf dem Pappschuber das neue FSK-Kennzeichen abgebildet ist. Das neue Kennzeichen muß in der vorgeschriebenen Größe auf jeden einzelnen Bestandteil einer Box. Dies ist ein ganz herber Schlag für Sammler!!

AREA DVD: Einige Anbieter haben bereits angekündigt, Wendecover zu verwenden, die dem Käufer die Möglichkeit geben, den Film zuhause ohne das deutlich sichtbare FSK-Logo zu platzieren. Sehen Sie hierin eine Lösung, um sowohl den gesetzlichen Vorschriften als auch den Wünschen der Kunden Rechnung tragen zu können?

Nobst: Wir diskutieren gerade diese Option und werden diese auch rechtlich nach allen Seiten abklopfen lassen.

AREA DVD: Bereits jetzt werden Blu-ray Disc/DVD-Käufer von vielen Texteinblendungen und Werbetrailern vor dem eigentlichen Film aufgehalten. Zukünftig wird auch noch ein FSK-Hinweis hinzukommen, der nicht übersprungen werden darf. Wird im Gegenzug eventuell auf sonstige Einblendungen verzichtet werden, um die Wartedauer nicht noch weiter zu verlängern?

Nobst: Auf rechtlich relevante Einblendungen (Urheber/Aufführungsrecht) können und dürfen wir nicht verzichten. Ansonsten haben wir in der Vergangenheit bereits nur die Einblendungen vorgenommen, welche durch unser Studio vorgeschrieben waren. 

AREA DVD: Inwieweit ist die Industrie in das Gesetzgebungsverfahren involviert gewesen? Sorgen größere Logos für wirklich mehr Jugendschutz? Schließlich könnte ein noch auffälligeres Logo "FSK ab 18" ja erst recht dafür sorgen, dass Interesse an "ungeschnittenen" Filmfassungen entsteht. Gibt es eventuell eigene Vorschläge aus der Industrie, wie der Jugendschutz verbessert werden könnte?

Nobst: Überhaupt nicht ! Dieses Gesetz ist mehr oder minder „durchgeprügelt“ worden! Ich bezweifele, dass größere Logos mehr Jugendschutz „produzieren“. Die alte FSK Kennzeichnung hat sich über viele Jahre bewährt! Ob eine neue Kennzeichnung verhindern wird, dass ein 12 jähriger sich einen FSK 18 Film anschaut, ist fraglich! Im Gegenteil : Das größere FSK Logo macht meiner Meinung nach beispielsweise einen 18er Film umso interessanter für Nicht-18jährige!

AREA DVD: Der Jugendschutz ist von der Politik in den letzten Jahren vor allem im Zusammenhang mit Computerspielen thematisiert worden. Während in den Achtziger Jahren viele populäre Schwarzenegger oder Stallone-Filme auf den Index kamen, hat man heute den Eindruck, dass in den letzten Jahren viele große Hollywood-Produktionen eher zahmer geworden wären. Lässt sich in der FSK-Freigabepraxis eher ein Trend zu mehr oder weniger Gewalt in Filmen erkennen?

Nobst: Ein Trend zu mehr oder weniger Gewalt ist meiner Meinung nach nicht zu erkennen. Sicherlich hat sich die Spruchpraxis der FSK in Laufe der Jahre an die Sehgewohnheiten der Konsumenten angeglichen. Auch sind komplett neue Genres entstanden, (z.B. Filme wie SAW oder HOSTEL), die ich persönlich als „Torture-Porn Genre“ bezeichne. Die Indizierung eines Films aus den 80er Jahren wie z.B. „Und wieder 48 Stunden“ wirkt aus heutiger Sicht einfach nur noch lächerlich!

AREA DVD: In Sachen Jugendschutz ist nur wenig vom "Vereinten Europa" zu bemerken. Jedes Land hat seine eigenen Bestimmungen und insbesondere in Deutschland ist der Jugendschutz in den letzten Jahren weiter verschärft worden. Würde es nicht Sinn machen, für ganz Europa einheitliche Jugendschutzbestimmungen und Kontrollinstanzen zu schaffen, da ansonsten Länder mit laxeren Vorschriften einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Nachbarländern haben?

Nobst: In Sachen Jugendschutz brauchen wir dringend eine Annäherung bzw. eine Vereinheitlichung in Europa! Deutschland lebt hier mit einer immer stärker werdenden Insellösung, die ich auch in rechtlicher Hinsicht als bedenklich erachte, da durch die Auflagen und Einschränkungen, die den deutschen Herstellern auferlegt werden, zunehmend Wettbewerbsnachteile und als auch Wettbewerbsverzerrungen entstehen!

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