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Alphacrypt-Anbieter Mascom kritisiert „CI plus“

Mit scharfen Worten kritisiert Mascom-Chef Heinz Gruber die u.a. vom Kabelnetzbetreiber Kabel Deutschland und mehreren Herstellern aus der Unterhaltungselektronik geplante neue Modul-Schnittstelle „CI plus“. Mascom ist Hersteller des populären „Alphacrypt“-Moduls, welches zum Empfang vieler verschiedener Pay TV-System, darunter auch Premiere, genutzt werden kann. Gruber lässt praktisch kein gutes Haar an dem neuen System, welches u.a. auch einen Kopierschutz beinhaltet während bei bisherigen CI-Systemen auch eine unverschlüsselte Aufzeichnung möglich ist. Im Wortlaut liest sich die Kritik Grubers wie folgt:

Unterbergen, 28. April 2008 – Zwölf Jahre nach der Einführung des digitalen Fernsehens droht den Zuschauern nun das totale Chaos im Wohnzimmer. Statt eines breiten horizontalen Marktes mit großer Geräteauswahl im freien Handel und zueinander kompatiblen Komponenten versuchen derzeit einzelne Marktteilnehmer ihre Bereiche abzuschotten und eigene Normen einzuführen. Alle großen Kabelnetzbetreiber setzen inzwischen eigene Verschlüsselungsvarianten (CA Kernel) von Nagra beziehungsweise NDS ein, Kaufreceiver hierfür im freien Handel sind inzwischen zur Seltenheit geworden. Im Klartext: Die künftigen Kabelreceiver von Tele Columbus, Kabel Baden Württemberg, Unity Media oder Kabel Deutschland sind nicht zueinander kompatibel. Die Kabelzuschauer werden gezwungen, die wenigen Modelle Ihres Netzbetreibers zu akzeptieren. Wer nach einem Umzug von einem anderen Kabelanbieter versorgt wird, kann seinen Receiver gleich wegwerfen. Die Konsumenten werden kein Verständnis für so eine Kleinstaaterei haben und eher das digitale Fernsehen meiden.

Neue Common Interface Norm CI+ hat reine Alibifunktion
Die von einigen Marktteilnehmern auf den Weg gebrachte geplante Norm CI+ ist vollkommen unausgegoren. Hinter der Spezifikation stehen nur gut eine handvoll Firmen, mit den restlichen konnte kein Konsens gefunden werden. Deshalb wird CI+ auch keine breite Unterstützung insbesondere bei bestimmten Verschlüsselungsanbietern oder Premium-Pay-TV-Betreibern erfahren. Viele aktuelle Akzeptanzbekundungen werden Lippenbekenntnisse bleiben. Den Verbrauchern wird wieder einmal vermeintliche Zukunftssicherheit versprochen, die bereits ausgelieferten Receiver und Digitalfernseher zu Elektroschrott deklariert.
CI+ verteuert Digitalfernseher und Receiver, da in diesen zusätzliche Hard- und Software zur Content-Absicherung gegen private Kopierversuche integriert werden soll. Denn bestimmte TV-Sender wollen künftig bestimmen, wer welchen Film zuhause wie lange in welcher Qualität archivieren darf. Wenn die Konsumenten jedoch in einen CI+ Receiver ein herkömmliches CI-Modul stecken, sind die neuen Sicherheitsfunktionen einfach außer Betrieb gesetzt. Hinzu kommt, dass CI+ Module in der aktuellen Spezifikation keine höheren Datenraten als die jetzigen CI-Spezifikationen (z. B. voll belegte Transponder mit HDTV-Programmen) verarbeiten können.

Mit dem Kopierschutzwahn muss endlich Schluss sein
Für das digitale Fernsehen gibt es mit DVB einen internationalen Standard, der als universelle Schnittstelle das Common Interface (Version 1.0) vorsieht. Millionen von Receivern in den deutschen Haushalten besitzen so eine universelle Buchse. Bei Flachbildfernsehern mit eingebautem Digitaltuner ist ein Common Interface ab einem bestimmten Bildschirmdurchmesser sogar EU-Vorschrift. Doch leider wird das etablierte Common Interface nicht von Premium-Pay-TV-Anbeitern unterstützt. Stattdessen werden den Zuschauern gedongelte, abgeschlossene Receiver in die Wohnzimmer gestellt, auf denen ja kein anderer Pay-Anbieter empfangen werden kann.
Am angeblich fehlenden Jugendschutz liegt es nicht. Mit einem herkömmlichen CI-Modul kann der Jugendschutz mindestens genauso gut kontrolliert werden wie bei einem zertifizierten Receiver. Das beweist tagtäglich der Pay-TV-Anbieter Arena, der einen von den Landesmedienanstalten akzeptierten Jugendschutz auf Basis von CI-Modulen gewährleistet.
Bei dem von Sendern und Rechteinhabern oft geforderten total kontrollierbaren Kopierschutz sollte man einmal die Notwendigkeit hinterfragen. Raubkopien bestimmter Blockbuster-Filme entstehen stets weiter vorne in der Verwertungskette (z. B. DVD), nicht jedoch beim digitalen Fernsehen. Die Musikindustrie musste letztes Jahr eingestehen, dass die Konsumenten den ursprünglich für die Plattenfirmen lebenswichtigen Kopierschutz nicht akzeptieren. Seit nun MP3s ohne Kopierschutz angeboten werden, hat sich die Nachfrage und somit der Umsatz massiv erhöht, die Kunden haben nun keine Probleme mehr. Die Pay-TV-Betreiber sollten so schnell wie möglich mit den Film-Lizenzgebern nachverhandeln. Bisher wurde der Kopierschutz durch die propretären, gedongelten Receiver des Pay-TV- Anbieters sichergestellt.

Digitales Fernsehen braucht offene Standards und offenen Markt
Digitale Errungenschaften haben in der Vergangenheit nur Erfolg gehabt, wenn sie auf internationalen Standards basierten und die Geräte anbieterunabhängig eingesetzt werden können. Niemand würde z. B: verstehen, wenn man ein Handy nur im D1-Netz einsetzen könnte und dieses auch nicht im Ausland funktionieren würde. Der PC hat nur deshalb so eine große Akzeptanz in der Bevölkerung, weil es hier offene Schnittstellen gibt und viele Hersteller verschiedenste Bauteile zum individuellen Ausbau anbieten.

So muss digitales Fernsehen sein
Im Handel muss es einen großen horizontalen Markt für Digitalreceiver und digitale Fernseher geben, die über offene Schnittstellen (Common Interface) verfügen. Die Middleware der Receiver sollte außerdem standardisiert sein, damit Pay-TV-Anbieter oder Kabel-TV-Betreiber eine einheitliche eigene Oberfläche als Applikations-Download anbieten können. Wenn sich die Marktteilnehmer nicht einigen können, muss es endlich regulatorische Vorgaben geben.

„Die Zuschauer wollen selbst entscheiden, wann sie welche Pay-TV-Programme mit ihrem Lieblingsreceiver empfangen“, so MASCOM-Geschäftsführer Heinz Gruber. „Wer einen teuren Digitalfernseher mit CI-Slot besitzt, will darunter keinen Billigreceiver seines Kabelnetzbetreibers aufstellen. Die EU-Richtlinien schreiben zwar bei jedem größeren Digital-Fernseher eine Common Interface vor, doch die Plattformbetreiber und Pay-TV-Veranstalter wollen es nicht unterstützen. Das ist ein klarer Fall für das Bundeskartellamt sowie die EU-Kommission.“

„Die Premium-Pay-TV-Plattformen wären gut beraten endlich alle ihre Abo-TV-Pakete offiziell für den Empfang mit CI-Modulen freizugeben. Das Abofernsehen würde schnell in Richtung 10 Millionen Haushalte anwachsen.“

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