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Need for Speed Hot Pursuit

Genre

Rennspiel (Arcade)

System(e)

PC-DVD, Playstation3, XBOX 360 (Testversion)

Anbieter

Electronic Arts (2010)

Altersfreigabe

freigegeben ab 12 Jahren

Auflösungen

480p, 720p, 1080i, 1080p (bezogen auf XBOX 360)

Sprache(n)

Deutsch (Sprachausgabe + Bildschirmtexte)

Multiplayer

Xbox Live
Steuerung Gamepad, Lenkrad (inkl. Force Feedback)

VÖ-Termin

18.11.2010

Wir wollen nicht die Ersten, sondern die Kritischsten sein - unsere Testphilosophie

Nachdem sich Need for Speed Undercover vor 2 Jahren viel mediale Schelte abholen musste, sprach sich EA für einen konsequenten Neuanfang aus. Das kanadische Entwicklerteam "Black Box" wurde nicht mit der Programmierung des Nachfolgespiels betraut; stattdessen splittete man die Serie in zwei Serien und beauftragte andere Studios. Aus dieser Neuausrichtung ist letztes Jahr Need for Speed Shift hervorgegangen, welches sich auf simulationsbezogene Aspekte konzentriert und klassische Wertungsrennen/Meisterschaften auf richtigen Rennstrecken bietet. 

Inhalt/Gameplay

Wer in der Need for Speed Welt wieder auf Konfrontationskurs mit der Polizei gehen will, um seinem virtuellem Verlangen nach illegalen Straßenrennen nachzugehen, musste sich auf die nun erschienene Arcadeausgabe gedulden. "Hot Pursuit" nimmt dabei schon in der Namensgebung Anleihen zu früheren Titeln auf und lässt erahnen, dass die Entwickler zu den Wurzeln zurückkehren wollen.

Diese Zielsetzung zieht sich konsequent durch das komplette Spiel: eine frei befahrbare Großstadtmetropole sucht man genauso vergebens, wie eine Storyline mit Videosequenzen. Und auch die Wagenhändler und Tuner wurden in Rente geschickt. Die ehemaligen Entwickler der bekannten Burnout Serie haben sich auf das Wesentliche konzentriert und lassen den Spieler nacheinander diverse Rennen bestreiten, für deren Erfolge (bewertet nach Platzierungen, Fahrmanöver etc.) neue Events, Fahrzeuge sowie Upgrades freigeschaltet werden. Das Letztgenannte umfasst jedoch nur einige Abwehr- bzw. Angriffssysteme, die in Polizeiverfolgungsjagden zum Einsatz kommen. Darunter befinden sich die berühmten Nagelbänder genauso, wie EMP-Sender oder Störsender. Das Spiel bleibt insgesamt trotzdem auf das Renngeschehen fokussiert, ohne sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren. Die Events untergliedern sich in typische Disziplinen wie Einzelzeitfahren, Duell (nur ein Gegner), sowie Wettrennen (mit 7 Gegner). Zusätzlich stehen auch Verfolgungsjagden auf dem Plan, welche sich auf beiden Seiten des Gesetzes fahren lassen. Deswegen unterscheidet sich der Spielfortschritt zwischen Rennevents sowie Polizeieinsätzen. Der Need for Speed Fuhrpark beginnt bei einem Audi TT RS und erstreckt sich über mehrere dutzende lizenzierte Modelle bis hin zur absoluten Exotenklasse im Stil von Koenigsegg, Pagani und McLaren. Automobilliebhaber müssen dabei fast schon ungewollten Tränenfluss zurückhalten, denn all die (Super) Sportwägen lassen sich bei den Rennen stark beschädigen. Die erlittenen Blessuren wirken sich zwar in keinster Form auf die Fahreigenschaften aus, werden aber optisch rigoros umgesetzt. Wer nach einem 20 Kilometer Rennen mit einem unbeschädigtem Lamborghini (Ferraris sind übrigens NICHT im Spiel enthalten) über die Ziellinie brettert, gibt damit ein Zeugnis seines Ausnahmetalents ab.

Als Schauplätze dienen verschiedene Streckenvariatonen, die sich aus einer großen Maß ergeben. Das Areal ist dabei sehr groß und abwechslungsreich geraten. Die dünn besiedelten Gebiete beinhalten schneebedeckte Pässe genauso, wie Küstenabschnitte, Waldgebiete und Wüstenbereiche. Und da sowohl unterschiedliche Tageszeiten, wie auch Witterungen Berücksichtung finden, wird sich kein Need for Speed Spieler über mangelnde Abwechslung beklagen können. Wer will, kann die Welt auch komplett frei befahren. Dieser Modus dient dann allerdings nur zu Übungszwecken und hat keine Auswirkung auf den eigentlichen Spielverlauf.

Mit einer bestechenden KI kann NFSHP nicht aufwarten. Die Renngegner verhalten sich brav wie die Lämmer, wenn man sie überholen möchte und machen keinerlei Anstalten "die Tür zu schließen". Setzen die KI-Fahrer dann jedoch selbst zum Positionswechsel an, rempeln sie sich in bester Stock-Car Manier vorbei. Dabei wird keine Rücksicht auf Verluste genommen, besonders in Kurven macht das eigene Fahrzeug deswegen öfters intensiven Bekanntschaft mit der Leitplanke. Aufregende Positionskämpfe über mehrere Kurven mit gefühlvollen Ausbremsversuchen gibt es bei NFSHP daher überhaupt nicht. Oft hat man sogar den Eindruck, dass die Renngegner einer anderen Physik ausgesetzt sind, da Kurvengeschwindigkeiten, Bremswege und Beschleuniungswerte stark vom eigenen Gefährt variieren. Der Reiz dieses Spieles liegt insgesamt in der schnellen Reaktion auf die Umwelt, wo sowohl die Strecke (Stichwort Normalverkehr) als auch Renngegner oft für Überraschungen sorgen. Dieser Umstand wird durch einen extrem starken Gummibandeffekt verstärkt, der das Feld stets eng zusammenhält. Manchmal ist es deswegen sogar leichter zu gewinnen, wenn man bis zum letzten Renndrittel an letzter Stelle liegt, wohingegen ein souveräner Start-Ziel Sieg fast unmöglich ist. Bei Simulationen wären all diese Begebenheiten das absolute Todesurteil in Bezug auf den Spielspaß - doch bei einem Arcadegame, insbesondere bei diesem Titel, geht die Rechnung bravurös auf: NFSHP entpuppt sich beim Racen als furioser Actioner, der mit Nervenkitzel, Abwechslung und einer Extraportion Geschwindigkeitsfeeling, die Adrenalin- und Endorphinproduktion zu Sonderschichten verleitet.

Als stark gewöhnungsbedürftig haben wir die normale Steuerung via Gamepad kennengelernt. Die Sportwagen reagieren zunächst langsam auf Lenkbefehle, drehen sich dann jedoch nach ca. 0,5 Sekunden sehr stark ein. Hieraus entsteht eine vergleichsweise indirekte Lenkung, da man immer gefühlvoll im Voraus agieren muss. Plötzliche Richtungsänderungen sind daher eher schwer  umzusetzen, zumal sich die Autos beim Gegensteuern schnell aufschaukeln. Im Gegensatz zu Playstation3 und PC, werden auf der XBOX360 Lenkräder (inkl. Force Feedback) unterstützt. Leider umfassen die diesbezüglichen Einstellmöglichkeiten lediglich die Tastenbelegung, nicht aber eine Justierung das Ansprechverhalten, Skalierung oder der "Null-Zone". Nicht einmal die Force Feedback Intensität lässt sich definieren. Mit dem Microsoft Lenkrad sind die Lenkradien eindeutig zu groß, um die Räder in jeder Kurve voll einlenken zu lassen. Hier ist der Zeitnachteil beim wilden Rotieren am Lenkrad größer, als der Genauigkeitsvorteil. Dazu kommt noch der Umstand, dass die Force Feedback Effekte sehr schwach ausgeprägt sind, was sich speziell bei den geringen Rückstellkräften als nachteilig für das Fahrgefühl erweist. Glücklich kann sich hingegen Derjenige schätzen, der das Fanatec Porsche 911 Turbo S sein Eigen nennt. Dieses Wheel erlaubt viele Justagen direkt am Lenkrad und kann deswegen hervorragend auf die Steuerungsbedürfnisse von NFSHP eingestellt werden. Nachdem wir den kleinsten Lenkradius (210 Grad) und den Driftmodus aktiviert haben, stellte sich ein völlig neues Fahrgefühl ein, welches durch seine Direktheit im besten Sinne an Spielhallenautomaten erinnert. Und weil das Fanatec Lenkrad von Haus aus schon recht starke Force Feedback Motoren mitbringt, ist man zumindestens auf einem Niveau angekommen, wo die Rückstell- und Einlenkkräfte brauchbar sind. Rempler bzw. Unfälle sowie Bodenbeschaffenheiten oder gar Motorenvibrationen erscheinen trotzdem noch deutlich zu schwach.

Grafik  85 %

Obwohl NFS HP weder die bestauflösenden Texturen, noch eine extreme Bildschärfe bietet, kann die Grafikqualität insgesamt absolut überzeugen. Dieser Umstand ist vornehmlich der liebevollen Detaillierung, sowie der stets hohen Framerate zuzuschreiben. Die Spielerfahrzeuge sind aufwändig modelliert und weisen ein gutes Environmentmapping auf. Erfreulicherweise hat EA bei der grafischen Umsetzung des normalen Straßenverkehr deutlich zugelegt, so dass man hier keine extrem große Lücke mehr im Vergleich zu den "Rennwagen" wahrnimmt. Dass der "Passantenverkehr" speziell bei der Aus-/Beleuchtung der Texturen immer noch ein wenig hinterherhinkt, kann man getrost verzeihen - dafür wünschen wir uns für die nächsten Generationen hingegen etwas mehr Abwechslung, da hauptsächlich Audi A3/A4 und Porsche Cayenne die Straßen bevölkern.

Bei den zahlreichen Unfällen zerlegen sich die Boliden zwar nicht in sämtliche Einzelteile, werden aber mit stark verformter Karosserie und mit gesplitterten Scheiben in überdurchschnittlicher Weise abgebildet. Zusammen mit einem regen Funkenflug darf sich der SPieler die Kaltverformung seines Vehikels stilgericht in einer Echtzeit Zeitlupe aus der TV-Kamera Perspektive erfreuen. Hier bietet NFS - wie auch bei Intros zu den Rennen - eine schlichtweg grandiose Inszenierung. Die unterschiedlichen Umgebungen werden grafisch mit viel Liebe zum Detail auf vielfältige Weise zum virtuellen Leben erweckt. Zu keinem Zeitpunkt erlangt man den Eindruck einer "Baukastengrafik". Unabhängig davon, ob man durch weite Wüstenlandschaften flitzt, sich im schneebedeckten Gebirge aufhält, oder eine Spritztour an der Küste unternimmt - stets sorgt eine glaubwürdige, aufwändig modellierte Umgebung (oft auch mit bewegten Objekten abseits der Straße) für eine große Portion Lebendigkeit.

Sowohl die Licht- als auch Wettereffekte weisen ebenfalls ein bemerkenswert hohes Niveau auf, so dass z.B. beim Durchfahren eines Tunnels eine refkletionsreiche Umgebungsbeleuchtung durch Blaulichter geboten wird, während die aufsteigende Regengischt des Vordermannes eine stärke Beeinträchtigung der Sichtverhältnisse hervorruft.

Als Manko sind beim aktuellen Need for Speed hingegen vor allem die starken Aliasing-Effekte zu nennen, die speziell bei recht grob gezeichneten Objekten zwischen der mittlerer Bildebene und dem Hintergrund für unschöne Artefakte sorgen (gut zu sehen bei Stromleitungen, Brücken, Leitpfosten etc.). Im Rahmen eines kurzes Quervergleiches konnten wir feststellen, dass dieser Faktor auf der Playstation3 sogar noch etwas stärker ausgeprägt ist. Erfreulicherweise wirkt sich das Aliasing relativ wenig auf die wahrgenommene Grafikpracht aus, da Need for Speed mit der extrem hohen und stabilen Bildrate und mit seinem exzellenten Geschwindigkeitsfeeling meistens zu schnell ist, als dass mittelstarke "Treppcheneffekte" länger als ein bis zwei Sekunden auftreten. Obwohl die Weitsicht sehr hoch liegt, sind dabei keine aufpoppende Gegenstände auf der Leinwand auszumachen. Und da gegenüber "Need for Speed" Undercover auch eine jederzeit absolut flüssige Framerate geboten wird, können wir dem aktuellen Titel insgesamt eine hervorragende Grafik bescheinigen.

Ton  80 %

Bei EA's neuestem Racer haben die Lautsprecher Grund zur Freude: das oktanhaltige Spielgeschehen wird akustisch bombastisch inszeniert und ist mit vielen Effekten versehen. Die Voreinstellungen sind/waren uns jedoch etwas zu musikbezogen, doch über die Klangoptionen ist es problemlos möglich, die Motorengeräusche mehr in den Vordergrund zu stellen. Diese klingen nur marginal unterschiedlich und dürften gerne etwas basskräftiger sowie dynamischer abgemischt sein. Die zahlreichen Effekte (Reifenquietschen, Unfälle, Polizeifunk etc.) begeistern durch Variantenreichtum sowie intensive (sowie gute) Nutzung sämtlicher Lautsprecher. Need for Speed gelingt es, ein absolut geschlossenes Surroundpanorama aufzubauen, wo die Effekte sehr gut ineinander übergehen. Auch die Musikuntermaltung hinterlässt ein guten Eindruck, wobei diesbezüglich besonders die orchestralen/epischen Stücke während den Hot Pursuit Rennen hervorzuheben sind. Mit einer Prise mehr Hochtonauflösung würde der Soundtrack noch näher an eine Referenzwertung heranrücken, doch auch im Ist-Zustand reicht das Gebotene für eine überdurchschnittliche Wertung.

Fazit / persönliche Wertung von Lars Mette:

Als einer der Wenigen, die "Need for Speed Undercover" (trotz der Ruckler) gerne gespielt haben, hielt sich mein Verlangen nach einem Neuanfang in Grenzen. Und trotzdem hat mich "Hot Pursuit" eiskalt erwischt und im positiven Sinne an alte Glanzzeiten (High Stakes, Hot Pursuit 2) erinnert. Die Strecken könnten kaum besser sein - endlich wieder ein Need for Speed mit weitläufigen, abwechslungsreichen Landschaften weitab von urbanem Streetracing ! Und auch der Wegfall vom Pendeln zwischen Autohändler, Werkstatt und Proleten-Tuner vermisse ich keine Sekunde, zumal der neue Fuhrpark deutlich mehr Klasse aufweist und den Spieler nicht dazu nötigt, die ersten Rennen mit 150 PS in der Gegend rumzuschleichen. Andererseits fehlt Hot Pursuit ein durchgehender roter Storyfaden, der die Ansammlung von Rennen ein wenig miteinander verbindet. In technischer Hinsicht bleibt durch die umfangreiche Detaillierung das typische Need for Speed Feeling erhalten, wobei in diesem Jahrgang endlich mal wieder kein Ruckeln zu beobachten ist. Und da auch akustisch größtenteils Sonnenschein herrscht, kann man dem Spiel auf technischer Seite problemlos den Hauptuntersuchungsstempel ins Wartungsbuch eintragen. Die ehemaligen Burnout Entwickler von Criterion haben glücklicherweise die guten Eigenschaften ihrer früheren Werke gewinnbringend in das neue Need for Speed eingebracht, ohne das Spiel ähnlich zu überladen, wie dies ab Burnout 3 der Fall war. Racer, die ohne Fanatec Lenkrad an den Start gehen, sollten vorher unbedingt probespielen und ihr Geschick mit der überraschend trägen Lenkung testen. Es wundert schon sehr, wenn die schönsten Sportwagen der Welt auf dem Bildschirm bei Tempo 100 bedächtiger um die Kurve wanken, als der alte Renault 4 von meinem Vater vor rund 20 Jahren....  wer aber einmal den Dreh raus hat, wird das Spiel so schnell nicht wieder freiwillig aus dem XBOX Laufwerk entfernen und sich an adrenalinfördernden und abwechslungsreichen Rennen erfreuen.


Test und Text: Lars Mette 

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