Der Lautsprecherhersteller ASW wird
von Hifi-Liebhabern besonders für seine
Produkte aus den mittleren Serien geschätzt. Sowohl die
Cantius als auch Genius Modelle behaupten sich (in verschiedenen
Evolutionsstufen) schon seit knapp zwei Jahrzehnten erfolgreich auf dem
Markt, indem sie hochwertige Klangeigenschaften zu fairen Preisen
bieten. Seit Kurzem darf sich die Genius Reihe über einen
Generationswechsel freuen, der sowohl optisch wie auch technisch sehr
umfangreich ausfällt.
Von der neuen Serie haben wir von ASW eine Regalbox mit der
Typbezeichnung Genius 110 erhalten. Dieses Modell besitzt sehr
hochwertige Chassis; im Tiefmitteltonbereich kommt eine
Holzfasermembran mit Pentocone-Technologie sowie
titanverstärkten Schwingspulenträgern zum Einsatz,
während die oberen Frequenzen von einem
Keramikhochtöner zum Leben erweckt wird. Wie bei ASW
üblich, wird auch die neue Genius Serie mit einer Vielzahl von
Oberflächenausführungen angeboten, zumal auch
Individualanfertigungen möglich sind. Die Preise untergliedern
sich in 3 Kategorien, von denen die günstige mit 599 Euro pro
Lautsprecher beziffert ist. Die oben abgebildeten Ständer aus
schwarzem Stahl gibt es von ASW zum Stückpreis von 200 Euro und besitzen
eine Vorrichtung zum Verschrauben der Lautsprecher. Unser Test soll Aufschluß
darüber geben, ob sich die neue Genius 110 als
Technologieträger im preislichen etablieren
kann.
Verarbeitung:
ASW vollzieht mit der neuen Generation seiner Genius Serie
einen Stilwechsel in Bezug auf die Optik. Wo die früheren
Modelle sehr kantig gehalten waren, wird das Erscheinungsbild nun von
sanften Rundungen geprägt. Speziell die Wölbung auf
der Oberseite erinnert stark an die High-End Modelle Magadis sowie
Chelys. ASW gehört zu den wenigen Herstellern, die
ihre Gehäuse nicht in Fernost produzieren lassen, sondern
komplett in Eigenregie herstellen. Dadurch ergibt sich der Vorteil,
dass der Kunde aus einer Vielzahl von Oberflächenvarianten
auswählen kann. Neben Hochglanz- sowie Mattlacken sind
selbstverständlich auch Hölzer lieferbar. Unsere
Testversion kleidet sich in Ahorn Echtholzfurnier, welches in Bezug auf
Maserung sowie Farbbild sehr natürlich gehalten ist.
Lobenswert ist der Umstand, dass ASW trotz der vielen gebogenen
Gehäuseelemente stets mit höchster Akkuratesse
arbeitet, so dass Gehäuseübergange sowie
Kantenverarbeitung keinen Anlass zur Kritik geben. Auch die Einpassung
der Chassis erfolgt mit einer Passgenauigkeit, die man in der
vorliegenden Preisklasse erwarten darf. Bedingt durch das
Membranmaterial des Tiefmitteltöners ergibt sich eine
eigenständige Optik bei demontiertem Stoffgitter. Dieses
Element besteht aus einem stoffbespannten MDF Rahmen
und wird mit kleinen Kunststoffhalterungen in das Gehäuse
gesteckt. Der Blick auf die Rückseite gibt ebenfalls Grund zur
Freude: ASW spendiert den Lautsprechern ein hochwertiges Terminal mit
leichtgängigen Bi-Wiring Buchsen, die zudem auch noch sehr gut
zugänglich sind und alle verbreiteten Sorten von Kabeln
problemlos aufnehmen. Der Blick auf die Unterseite bringt noch
erfreuliche Details zutage. Die Genius 110 kommt zwar ohne
Kunststofffüsse daher, besitzt aber zwei integrierte M6
Schraubgewinde, mit denen die Lautsprecher nicht nur auf die
hauseigenen Lautsprecherständer eine sichere Montage bieten.
Fazit: die neue Genius Serie beschreitet zwar in Bezug auf das Design
neue Wege, bleibt aber den ASW Tugenden treu, was die gewissenhafte
bzw. vorbildliche Verarbeitungsqualität betrifft. Besonders
erwähnenswert sind die vielen Furnier- sowie
Lackoberflächen, in denen die Lautsprecher dank
Eigenproduktion gefertigt werden können.
technischer Aufbau:
Die Genius 110 basiert auf
demselben 2 Wege Konzept mit Bassreflexunterstützung, wie
auch die meisten anderen Kompaktlautsprecher aufgebaut sind. Dabei
steht das komplette Innenvolumen dem Tiefmitteltöner zur
Verfügung, da der Hochtöner bereits selbst durch eine
Metallvorrichtung nach Innen abgeschirmt ist. Das
Gehäusekonstruktion weist eine hohe Materialstärke auf und
ist zusätzlich mit Innenverstrebungen gegen Resonanzen
verstärkt. Laut Datenblatt verträgt dieser Lautsprecher bis
zu 120 Watt Impulsbelastbarkeit und besitzt eine Nennempfindlichkeit
von 88,4db bei 2,83V/1 Meter. Damit wäre die Genius 110 zwar keine
schwierig zu betreibende Box, äußert jedoch den Anspruch,
nicht mit extrem schwachbrüstigen Verstärkern bei hohen
Pegeln kombiniert zu werden. Schallwandgröße sowie
Kantengestaltung und Chassisanordnung sind in Bezug auf die
Abstrahlcharakteristik optimiert. Bei den Frequenzweichen setzt
der Hersteller auf ein impedanzlinearisiertes Layout. Im Signalweg
befinden sich nur wenige (dafür jedoch sehr hochwertige) Bauteile,
was allerdings eine niedrige Flankensteilheit von 6db zwischen Hoch-
und Tiefmitteltöner zur Folge hat. Jene Trennung erfolgt bei 1800
Hertz, so dass speziell der Tiefmitteltöner sehr breitbandig
arbeitet.
Für die Mittelton- und
Basswiedergabe vertraut ASW auf ein hochtechnisiertes 180mm Chassis mit
Papier-Holzfaser Membran. Dieser Werkstoff soll sich in allen
Frequenzen durch ein natürliches Klangbild auszeichnen und
hervorragende Werte in Bezug auf das Eigenresonanzverhalten mitbringen.
Für zusätzliche Steifigkeit besitzt das Chassis einen
angeschnittenen Konus mit asymmetrischer Sicke (Marketingbezeichnung
Pentacone-Technologie). Aber auch hinter der Fassade schlummern einige
Highlights: der Schwingspulenträger besteht aus geschwärztem
Titan und soll eine exzellente Verwindungssteifigkeit sowie
Wärmeabfuhr bieten. Das Antriebssystem realisiert durch einen
Neodym-Eisen-Boron Magnet eine große Magnetfeldstärke bei
geringem Eigengewicht. Des weiteren wurde auch die thermische
Verbindung zum Korb optimiert. Kupferkappen
minimieren Magnetfeldverzerrungen und gewährleisten einen
störungsfreien Betrieb. Sämtliche Komponenten des Chassis
werden dabei von einem hochfestem Aluminium Druckgußkorb
zusammengehalten, der alle Ebenen durch resonanzoptimierte
Vertikalstreben miteinander verbindet und dabei sehr offen gehalten
ist, um akustische Reflexionen zu vermeiden.
Der verbaute 25mm Hochtöner greift
auf eine Keramikmembran zurück. Dieser Werkstoff ist speziell im
High-End Bereich sehr beliebt und wird dort von verschiedenen Anbietern
sowie Chassishersteller in den unterschiedlichen Größen
sowie Qualitäten verbaut. Keramik gehört zu den steifen
Werkstoffen, weist aber in keinster Weise die gravierenden Probleme von
Metallmembranen auf, da es bei gleicher Steifheit sehr viel leichter
ist. Gegenüber Bändchenhochtönern bringt ein
elektrodynamisches Chassis mit kolbenförmig schwingender
Konusmembran den Vorteil einer breiteren Abstrahlcharakteristik mit. In
der Praxis bedeutet die geringere Neigung zum Bündeln, dass der
Hörbereich größer ist und durch größere
Anregung vom Raumreflexionen mehr Räumlichkeit entsteht. Der
verbaute Keramikhochtöner in der Genius 110 besitzt einen
Kupferring im Polkern zur Senkung der Induktion. Die Resonanzfrequenz
liegt deutlich unterhalb der Trennfrequenz, so dass keine gesonderte
Filterung notwendig ist.
Die wichtigsten technischen Daten in der Zusammenfassung (Herstellerangaben)
Modell / Stückpreis
ASW Genius 110 / ab 599 Euro
Aufbau
2 Wege Kompaktls mit BR-System
Chassisbestückung
1x 180mm TMT Holzfasermembran
1x 25mm HT Keramik
Wirkungsgrad
88,4db @ 2,83V bei 1 Meter
Frequenzumfang
43 - 30.000 Hertz (+-3db)
Abmessungen
38,0 x 22,0 x 29,0 cm (B,H,T)
Gewicht
11,5 Kilogramm
Testumgebung:
Unser Teststudio misst rund 50m²
und stellt mit seiner raumakustischen Optimierung eine hervorragende
Umgebung dar, die Genius Lautsprecher auf Her(t)z und Nieren zu
prüfen. Zusätzlich installierten wir die Testgeräte aber
auch im Wohnraumstudio, um die Performance praxisnah einordnen zu
können. In beiden Fällen kombinierten wir die Lautsprecher sowohl mit High-End Elektronik, wie auch "normalen"
Komponenten. Auf diese Weise ist ein breites Spektrum an
Eindrücken sichergestellt, wo sowohl die Skalierbarkeit mit
hochwertigen Geräten, als auch die Verträglichkeit in
Kombination mit "Low Level Hardware" offengelegt wird.
Das Referenzstudio wurde von der Firma RTFS akustisch
optimiert.
Praxiseindrücke:
Im Hörtest begeistert die Genius 110 direkt von
Beginn durch
ihre fundierte Abstimmung. Chefentwickler Willi Nienhaus war es
offensichtlich sehr wichtig, einen Lautsprecher für
anspruchsvolle
Hörer zu bauen, da sein Sprößling
über viele
audiophile Charakteristiken verfügt. In tonaler Hinsicht
fällt auf, dass die Genius 110 recht neutral gehalten ist und
diesbezüglich insbesondere auf
eine kompaktlautsprechertypische
Bassanhebung verzichtet. Das
Klangvolumen befindet sich somit in einem richtigem Verhältnis
und
verfügt über keine Oberbassbetonung, um mangelnden
Tiefbass
zu kaschieren. Mit einem gefühltem -3d Punkt von ca. 65 Hertz
reicht der gebotene Tiefgang zwar nicht aus, um Bassliebhaber
in
Verzückung zu setzen, genügt aber für eine
seriöse
Basswiedergabe in 90% des "normalen" Musikmaterials. Die Genius 110
will kein Wolf im Schafspelz sein, wo das akustische Flair einer
(kleinen) Standbox durch einen Verlust an
Natürlichkeit sowie
Präzision erkauft wird. Stattdessen lässt sie sich
bei
entsprechenden Hörgeschmäckern vorzugsweise von einem
(guten)
Subwoofer ergänzen und verwöhnt ihren Besitzer durch
eine
schnelle, "trockene" Impulswiedergabe in den unteren Frequenzen. Durch
den Verzicht auf extreme Bassorgien (und den damit einhergehenden
großen Membranauslenkungen) profitiert auch der
Mitteltonbereich.
Dieser präsentiert sich zwar minimal zurückgesetzt,
gefällt jedoch durch seine saubere Abbildung sowie
Klangtransparenz. Stimmen werden mit bestechender Klarheit
durchgezeichnet, ohne aus der Musik herausgezogen zu werden. Besonders
weiblichen Interpreten entlockt die gewählte Abstimmung ein
faszinierendes Maß an Facettenreichtum und Durchsichtigkeit.
Bei
einer Testsequenz eines Gitarrenspiels im E Dur Akkord gelang es den
beiden Schallwandler sehr gut, die Tonhöhen sowie das
unterschiedliche Schwingungsverhalten zu reproduzieren.
Während
die tiefe E-Saite bei den meisten
Kompaktlautsprechern
bereits aufgedickt wird, bieten die Genius 110 über den
kompletten
Akkord ein stimmiges Verhältnis in Bezug auf die
Körperhaftigkeit. Erfreulich: ASW hat mit der Genius
110 keinen detailversessenenen Analytiker ohne Seele
abgeliefert,
sondern stattete die Box mit hoher Natürlichkeit aus.
Ein
maßgeblicher Faktor für jene Eigenschaft stellt die
hervorragende Hochtonwiedergabe dar, wo die Genius 110 (unserer
bescheidenen Meinung nach) ihre größte
Stärke aufweist.
ASW ist es in einer Güte gelungen, Detailfreudigkeit in
Einklang
mit Leichtfüßigkeit zu bringen, wie es selbst im
High-End
Bereich nicht als selbstverständlich anzusehen ist.
Hohe
Frequenzen gelangen unaufdringlich und seidig-angenehm in den
Hörraum, während die famose
Modellierungsgeschwindigkeit
für eine immense Ausleuchtung sorgt. Die Genius 110 klingen
deswegen stets sehr luftig und souverän, was zur gesamtem
Klangcharakteristik hervorragend passt. Obwohl die Pegelfestigkeit im
Bass-/Mitteltonbereich überdurchschnittlich gut
ausfällt,
machen unsere Testlautsprecher abseits extremer Pegelorgien am meisten
Spaß. Spätestens wenn der db-Zeiger unseres
Messgerätes
an die 95db Marke gelangt, verliert die Genius 110 zunehmend an
Übersicht, Lockerheit und dynamischer Präzision.
Für
solche Zwecke empfehlen sich die (ebenfalls neu entwickelten)
Standlautsprecher aus derselben Serie vermutlich besser. Dort bekommt
der Hörer wahrscheinlich auch eine bessere Grenzdynamik
geboten,
denn das brachiale Umsetzen von heftigen Beats oberhalb
mittlerer
Pegel unterliegt den größenbedingten Restriktionen.
Dafür begeistert die Genius 110 mit
ihrem feindynamischen Differenzierungsvermögen,
welches speziell im Hochtonbereich exzellente Leistungen aufweist. Die
gebotene Räumlichkeit rundet das akustische Gesamtpaket
gelungen ab. Solange man die Lautsprecher nicht weiter als 2 Meter
auseinanderstellt, löst sich der Klang generell sehr gut von
den
Schallwänden ab. Die Ortung von Phantomschallquellen ist dabei
tadellos; im mittleren Frequenzbereich wäre eine noch bessere
Lokalisationsschärfe bei komplexen Bühnenabbildungen
wünschenswert, um noch näher an die nächste
Preis-/Lautsprecherklasse heranzukommen. Sehr gut hat uns
überdies
auch der weiträumig abstrahlende Hochtonbereich gefallen,
wodurch
ein großer Sweetspot entsteht.
Fazit:
Die neue Genius Serie macht Apetit auf mehr, da schon das kleinste
Modell mit einer ausgewogenen Klangabstimmung aufwarten kann. Dabei
besticht die Genius 110 nicht nur durch sehr gute Umsetzungen
einzelner Klangaspekte, wie z.B. den filigranen Hochtonbereich. Der
große Pfeiler des Erfolges stellt hauptsächlich die
audiophile sowie detailorientierte Gesamtcharakteristik bei
gleichzeitig angenehm-luftiger Spielweise dar. Jene Symbiose aus solch
schwierig zu vereinbaren Eigenschaften trennt die Spreu vom Weizen -
bzw. in diesem Fall: die ASW Genius 110 vom Großteil ihrer
Mitbewerber. Das Facettenreichtum erstreckt sich bei unserem
Testgerät aber nicht nur auf die Akustik. ASW überzeugt
(wieder einmal) durch eine tadellose Verarbeitungsqualität und
bietet seinen Kunden darüber hinaus auch eine herausragende
Auswahl bzw. Flexibilität bei der
Gehäusegestaltung. Bilanzierend betrachtet, müssen wir
festhalten, dass ASW mit der Genius
110 sehr viel bietet und dabei auch preislich attraktiv ist. Die
Testlautsprecher schrammen nur deswegen knapp an einem
Referenzprädikat vorbei, weil sie ohne Subwoofer für
basslastige Musik nur bedingt als absolut vollwertig zu betrachten
sind. Anwender mit akustischen Schwerpunkt auf Basspräzision
dürften sich daran aber nicht im Geringsten stören und finden
in der Genius 110 (endlich) einen Lautsprecher, der konsequent auf
Seriosität getrimmt ist. Wir sind jedenfalls schon heute
auf die anderen Genius Modelle gespannt und blicken mit Zuversicht
auf den geplanten Surroundtest.
ASW Genius 110
Stückpreis ab 599 Euro
Kompaktlautsprecher
Test: 30.November 2010