AREA DVD-TEST: Beyerdynamic Headzone Home - Surround-Sound aus dem Kopfhörer

27.02.2008 Autor: Karsten Serck

Das Gerät

Surround-Sound aus nur zwei Kanälen ist ein Produktsegment, in dem sich mittlerweile viele Anbieter tummeln, deren "Virtual Surround"-Systeme mal mehr oder weniger das Ziel erreichen, das Klangerlebnis, welches eine Surroundanlage mit fünf separaten Lautsprechern bietet, zu reproduzieren. Während häufig Platzgründe oder der niedrige "Woman Acceptance Factor" einer Lebensabschnittsbegleiterin der Grund für die Verwendung solcher Lösungen sind, gibt es ebenso aber ebenso häufig den Fall, dass lautstarker Surround-Sound zur späten Stunde in weiten Teilen der Gesellschaft nicht unbedingt als nachbarschaftsfördernde Maßnahme toleriert wird.

Beyerdynamic versucht nicht nur, Heimkino-Sound im Kopfhörer zu realisieren sondern geht mit seinem Headzone Home HT-System zum Preis von 2490 EUR gleich ein weiteres Problem an. Denn im Unterschied zu einem fest installierten Lautsprechersystem bewegt sich das Klangbild eines Kopfhörers mit jeder Bewegung mit. Nur dann, wenn es gelingen sollte, während eines Films die ganze Zeit kerzengerade auf den Bildschirm zu schauen, wird es gelingen, ein gleichbleibendes Klangbild zu erzeugen, welches nicht mit der Bewegung des Kopfes mitwandert. Aus diesem Grunde bekommt das Headzone-System noch eine zusätzliche "Headtracking"-Einheit spendiert, die Bewegungen des Kopfes ausgleichen und für ein gleichbleibendes Klangbild sorgen soll. Wer diesen Luxus nicht benötigt, bekommt das gleiche System unter dem Namen "Headzone Home" zu einem etwas geringeren Betrag von 1890 EUR. Speziell für Gamer gibt es außerdem noch die Variante "Headzone Game" mit einem zusätzlichen Headset-Mikrofon zum Preis von 1990 EUR.

Ausstattung

Das "Headzone Home"-System wird in einem mittelgroßen Koffer geliefert, der innen aus einer großen Schale aus festem Schaumstoff besteht, deren Vertiefungen für einen sicheren Transport des Sets sorgen, welches auf diese Weise auch einfach transportabel zu nutzen ist. Im Kern besteht das System aus einem Beyerdynamic DT880-Kopfhörer und einem Kopfhörer-Verstärker mit integriertem Decoder für Dolby Surround, Dolby Digital und DTS. Der Verstärker ist 25 cm breit und verfügt über einen optischen und einen koaxialen Digitaleingang. Zwei gut verarbeitete Digitalkabel werden direkt mitgeliefert. Außerdem ist noch ein optischer Digitalausgang vorhanden, der das Signal durchleitet, so dass man den Verstärker auch in einen bereits vorhandenen digitalen Verbindungsweg z.B. zwischen DVD-Player und Verstärker einschleifen kann. Leider verfügt der Headzone-Verstärker nicht über einen analogen Stereo-Eingang, so dass er nur mit Musikquellen genutzt werden kann, die über einen Digitalausgang verfügen.

Das robuste Gehäuse des Verstärkers wirkt sehr stabil. Die Stromversorgung erhält der Verstärker über ein externes Netzteil. Er lässt sich aber auch direkt an einer 5 V-Gleichspannungsquelle betreiben. Alle Knöpfe, Regler und Anschlussbuchsen sitzen fest und sind solide verarbeitet. Der Verstärker arbeitet zudem praktisch rauschfrei. Selbst wenn man den Lautstärkeregler ganz nach rechts zum Anschlag dreht, ist kein Rauschen zu hören. Der Verstärker verfügt über einen recht hohen maximalen Ausgangspegel, der auch genügend Reserven für leisere Passagen bietet. Zusätzlich zum Regler am Verstärker ist in das Kabel des Kopfhörers noch eine zweite Lautstärkeregelung integriert, die es ermöglicht, kurzzeitige Lautstärkespitzen zu reduzieren.

Der Headzone-Verstärker bietet Anschluss für beliebige Kopfhörer mit 6,3 mm-Klinken-Stecker. Das Headtracking funktioniert allerdings nur mit der auf dem DT 880 aufgesetzten Headtracking-Sende-Antenne, die per Ultraschall Informationen an den Empfänger überträgt, der auf einem Display möglichst genau in der Bildmitte positioniert werden sollte und über ein Kabel mit dem Verstärker verbunden wird. Um das Headtracking auszuschalten, kann man den Schalter auf der Rückseite des Verstärkers oder die "Bypass"-Taste auf der Frontseite nutzen, welche auch das Soundprocessing zurücksetzt und einen einfachen Stereo-Downmix produziert.

Headtracking

Trotz der zusätzlichen "Headzone"-Antenne ist der DT-880 sehr leicht und bietet einen sehr hohen Tragekomfort. Er lässt sich ohne Probleme auch während eines kompletten Spielfilms tragen, ohne dass der Hörer durch Druck oder Wärmeentwicklung stört. Zudem produziert der Kopfhörer keine Eigengeräusche, so dass bei Bewegungen der Klang nicht gestört wird.

Das Headtracking funktioniert sehr zuverlässig. Bewegt man den Kopf, so wird diese Veränderung von den Headtracking-Sensoren am Empfänger erkannt und an den Verstärker weitergeleitet. Dieser führt kanalweise eine Lautstärke-Korrektur durch. Bewegt man den Kopf nach rechts, so wird die Lautstärke auf dem rechten Kanal reduziert. Dadurch gewinnt man den Eindruck, als ob der Ton aus einer festen Richtung kommen würde. Die Anpassung erfolgt mit einer minimalen Verzögerung, was den Realitätsgrad etwas mindert, beim Betrachten von Filmen aber in der Praxis nur dann auffällt, wenn man es darauf anlegt, laufend mit dem Kopf zu wackeln, um das System herauszufordern. Eine zu direkte Reaktion würde allerdings auch dazu führen, dass das System bereits geringfügigen Hin- und Herbewegungen, die man bei der Lautsprecherwiedergabe gar nicht so deutlich als Lautstärkeänderung wahrnimmt, sofort die Balance verändert. Die Lautstärke-Änderung durch das Headtracking-System erfolgt auf den beiden Kanälen absolut sauber. Klangliche Veränderungen oder Störungen lassen sich auch bei schneller Bewegung nicht feststellen. 

Klang

Der Headzone-Verstärker bearbeitet jedes Eingangssignal, egal ob Stereo oder Mehrkanalton, mit einem virtuellen Surround-Processing. Während einfache kopfhörerbasierte Surround-Systeme versuchen, Surround-Sound in erster Linie durch Hinzufügen von Hall zu erzeugen, arbeitet das Headzone-System nach einem Prinzip, dass den Klang eines Raumes emuliert. Grundlage hierfür sind Kunstkopf-Messungen des Surround-Klangs in einem richtigen Raum, die Parameter wie Lautstärke, Laufzeiten, Phasenlage und Frequenz berücksichtigt und den Kopfhörer-Klang so verändert, dass dieser dem Klang eines echten 5.1-Systems möglichst nahe kommen soll. Das Headzone-System bietet über den Regler auf der Frontseite zwei Einstellmöglichkeiten, mit denen die Surround-Wiedergabe sehr genau nach den Vorstellungen de Nutzers definiert werden kann. Mangels Fernbedienung muss man für Einstellungen (mit Ausnahme der Lautstärke) immer direkt an den Verstärker herangehen. Wer nach längerem Hören einen Mittelwert der optimalen Einstellungen festlegt, wird damit aber auch leben können.

Auch wenn das Headzone-System in erster Linie darauf optimiert ist, bei der Filmwiedergabe eingesetzt zu werden, lässt es sich natürlich auch für normale Musik nutzen. Selbst im Stereo-Betrieb bietet das System einen besseren Klang, wenn es mit aktivem Sound-Processing genutzt wird anstatt nur im Bypass-Modus. Die Art und Weise, wie das System arbeitet, lässt sich sogar am einfachsten heraushören, wenn man zunächst Wortsendungen aus dem Radio wiedergibt.

Der Regler "Room Size" definiert die Größe des Raumes, nach dem der Verstärker klingen soll. Hört man z.B. eine Nachrichtensendung im Radio im Bypass-Modus oder mit komplett reduzierter "Room Size", so scheinen gerade männliche Sprecher-Stimmen direkt aus der Mitte des Kopfes zu erklingen. Erhöht man jetzt die "Room Size", so verändert sich der Klang und bekommt die Charakteristik eines typischen Stereo-Dreiecks, wie man es von der Lautsprecher-Wiedergabe gewohnt ist. So klingt auch Musik nicht so, als ob sie sich nur im Kopf abspielen würde sondern bietet eine exzellente Stereo-Breite. Gerade bei Konzertaufnahmen mit viel Live-Atmosphäre wie z.B. Mylene Farmers "Avant que l`hombre - A Bercy" oder Jean Michel Jarres "Oxygene" fällt die gesteigerte Weite des Sounds auf, der sich nicht mehr im Kopf abspielt sondern durch die "Room Size"-Anpassung enorm an Weite gewinnt und den Klang zugleich klanglich etwas aufhellt.

Zwischen Kopfhörerwiedergabe und echter Lautsprecherwiedergabe lässt sich im Direktvergleich des Klangbilds nur ein geringer Unterschied ausmachen. Es gelingt dem Beyerdynamic-System beinahe perfekt, ein Stereo-Dreieck zu emulieren. Selbst bei einer Vergrößerung der Breite auf das Maximum machen sich kaum unangenehme Effekte hörbar. Lediglich hellere Stimmen bekommen einen leicht metallischen Sound und mit zunehmender "Room Size" nimmt auch das Volumen tiefer Stimmen etwas ab, was aber ein Effekt ist, der auch dem Klang in einem rechten Raum entspricht.

Der Regler "Ambience" sorgt für einen zusätzlichen Raumklang-Effekt. Er fügt der Wiedergabe einen Nachhall zu, der so fein dosiert ist, dass er selbst bei maximaler Einstellung nicht blechern klingt aber dennoch den typischen Klang eines geschlossenen Raumes sehr überzeugend nachbildet. Dies macht sich in erster Linie bei der Musikwiedergabe bezahlt. Bei Stimmen sorgt die Einstellung auf niedrigem Niveau ebenfalls noch für einen etwas breiter wirkenden Klang, der sich bei höherer Einstellung aber in ein leichtes Echo verwandelt.

Ebenso wie das bereits getestete reine Stereo-System A1 von Beyerdynamic zeichnet sich auch das Headzone-System klanglich vor allem durch die transparente Höhenwiedergabe aus, die kleine Feinheiten präzise hörbar macht und die unterschiedliche Qualität von Aufnahmen dem Hörer recht deutlich demonstriert. Wer bislang noch nie den Unterschied zwischen Audio-CDs und MP3-Dateien mit 128 kbps gehört hat, bekommt diesen mit dem Headzone-System deutlich vorgeführt, welches auch die typischen Audio-Artefakte von DAB-Digitalradio schonungslos zum Vorschein bringt.

Mit gutem Quellmaterial präsentiert das Beyerdynamic-System eine stark ausgeprägte Feindynamik. Im Mittenbereich werden Stimmen natürlich und klar wiedergegeben. Bei den Bässen wird das System beim ersten Reinhören nicht sofort auffällig, steht aber sofort bereit, wenn Rock- oder Dance-Musik impulsive Bässe anliefert. Der Kopfhörer gefällt durch einen präzisen, kontrollierten Bass, der nie aggressiv klingt. Insgesamt erscheint die Abstimmung sehr neutral. Der Kopfhörer fällt nicht durch eine Überbetonung bestimmter Frequenzbereiche auf, entnimmt den Aufnahmen aber immer enorm viel Detail.

Bei der Wiedergabe von Filmen mit 5.1-Soundtrack wird auch der LFE-Kanal mit berücksichtigt. Und hier zeigt die Anlage so richtig, welches Potential in ihr steckt. In den ersten Szenen der Eröffnungssequenz von Star Wars-Episode III produziert das Beyerdynamic-System dabei einen so tiefen und impulsiven Bass, dass man kaum glauben möchte, dies alles ohne Subwoofer realisieren zu können. 

Insbesondere der Höhenbereich zeichnet sich bei der Wiedergabe filigraner Effekte oder Feinheiten von Music Scores oft besonders durch seine enorme Auflösung aus. Details und einzelne Effekte sind über den Kopfhörer häufig präziser zu hören als dies mit einer durchschnittlichen Receiver/Lautsprecher-Kombination in dieser Preisklasse möglich wäre. Die Stärke des Systems liegt darin, auch in komplexen Szenen mit vielen gleichzeitigen Effekten alles so fein darzustellen, dass nichts im Klanggewitter untergeht sondern man sich auch auf einzelne Elemente konzentrieren kann. Das ist zum Großteil auch der Verdienst des Kopfhörer-Verstärkers. Denn schließt man den Kopfhörer einfach direkt an den Kopfhörer-Ausgang eines Verstärkers oder DVD-Players an, so bleibt die Präzision hinter der Wiedergabe, die über den "Headzone"-Verstärker realisiert wird, zurück.

Effekte werden auch mit dem Kopfhörer imposant realisiert. Die diskrete Aufteilung der Kanäle macht sich auch bemerkbar obwohl nur zwei Kanäle auf dem Kopfhörer zur Verfügung stehen. Über die Kopfhörer spielt sich die Soundkulisse vor allem in der Breite ab. Effekte, die bei einem 5.1-System hinten aus den Lautsprechern erklingen, kommen bei der Beyerdynamic-Anlage noch weiter von der Seite als der Rest des Sounds, was aber dennoch für einen imposanten Effekt sorgt, der einem echten 5.1-Set schon recht nahe kommt und gerade in Szenen mit intensivem Music Score-Einsatz recht überzeugend klingt. Die Tiefe nach vorne und hinten, die ein echtes Mehrkanalsystem bietet, kann die Beyerdynamic-Kombi allerdings nicht erreichen.

Fazit

Das Surround-System von Beyerdynamic bietet eine exzellente Klangqualität, die gerade im Hochtonbereich viele Details zum Vorschein bringt aber ebenso im Tieftonbereich richtigen Tiefbass liefern kann, dessen Impulsivität schon fast die eines richtigen Subwoofers erreicht. Die fein dosierbaren Raumklang-Einstellungen ermöglichen es, aus dem Kopfhörer einen Klang zu liefern, der nicht aus der Mitte des Kopfes kommt sondern weitgehend die Charakteristik einer richtigen Lautsprecherinstallation aufweist. Der Preis, den man dafür bezahlt, ist recht hoch, aber dafür bietet die Beyerdynamic-Kombi nicht nur eine exzellente Klangqualität sondern auch eine räumliche Wiedergabe, die sehr realitätsnah ist. Das System ermöglicht die Wiedergabe von Mehrkanalsoundtracks mit einer authentischen Räumlichkeit, die sehr in die Breite geht und auch Surround-Effekte gekonnt vermittelt. Die Tiefe nach vorne und hinten, die eine echte Mehrkanal-Installation ermöglicht, erreicht das System zwar nicht, bietet dafür aber ein eigenes, ebenso überzeugendes Surround-Erlebnis, welches auch bei längerem Hinhören nicht an Wirkung verliert. 

Trotz der aufwendigen Headtracker-Installation bietet der Hörer einen hohen Tragekomfort. Auch nach mehreren Stunden ununterbrochenen Tragens beginnt der Kopfhörer nicht zu drücken oder Wärme zu entwickeln. Das Headtracker-System ermöglicht es, authentisch einen Klang zu präsentieren, der sich den Kopfbewegungen anpasst, ohne dass die hierfür erforderliche Signalverarbeitung die Klangqualität mindert. Die Wirkung wird lediglich etwas dadurch reduziert, dass die Anpassung immer mit einer leichten Verzögerung erfolgt, was in der Praxis aber nur dann auffällt, wenn man den Kopf bewusst sehr schnell bewegt.

Das Beyerdynamic Headzone-System bietet über Kopfhörer einen  Sound wie er bislang nur mit echten Lautsprechern möglich war

Test 27. Februar 2008
Preis-/Leistungsverhältnis
Pro
  • Transparente Höhenwiedergabe
  • Authentische räumliche Reproduktion
  • Tracking-Nachführung ohne Klangbeeinträchtigung
  • Hoher Sitzkomfort auch bei längerem Tragen
  • Bypass-Funktion für optischen Digitalausgang
Contra
  • Nur mit digitalen Audio-Quellen nutzbar
  • Keine Fernbedienung
  • Digital-Eingangs-Umschalter nur auf der Rückseite 

Technische Daten 

Headzone Basisstation HBP1: 

Digitale 5.1-Audio-Eingänge SPDIF optisch oder coaxial
Digitaler Audio-Ausgang SPDIF optisch
decodiert Audio in DTS, Dolby Digital, Dolby Prologic und PCM stereo
Leistungsaufnahme max. 20 W
Kopfhörerausgang: 
Anschlussbuchse 6,3 mm Stereoklinke
Max. Ausgangsleistung 100 mW an 250 Ohm @ 1 kHz
Rauschabstand 98 dB @ 1 kHz (A)
Frequenzgang 10 Hz bis 20 kHz, ±0,3 dB
Klirrfaktor + Rauschen 0,006 % 1 kHz an 250 Ohm
Ausgangsimpedanz 100 Ohm
Kopfhörerimpedanz 32 bis 600 Ohm
Abmessungen mit Rahmen 250 x 225 x 50 mm

Headtracker Betriebsbedingungen: 

Reichweite (Distance) 0 - 4 m
Max. Winkel außerhalb Mittelachse Horizontal ±45°, Vertikal ± 30°
Max. Kopfwinkel Frontalbereich ±60°
Max. Anzahl gleichzeitig nutzbarer Headtracker 2

Kopfhörer DT 880 HT: 

Wandlerprinzip dynamisch
Arbeitsprinzip halboffen
Übertragungsbereich 5 Hz - 35.000 Hz
Nennimpedanz 250 Ohm
Kennschalldruckpegel 96 dB
Klirrfaktor < 0,2 %
Nennbelastbarkeit 100 mW
Art der Ankopplung an das Ohr ohrumschließend
Nennandrückkraft 3,5 N / 2,8 N
Gewicht (ohne Kabel) 325 g / 290 g
Länge und Art des Kabels 5 m / gestrecktes Kabel
Anschluss vergoldeter Stereoklinkenstecker 3,5 mm & Adapter 6,35 mm

Test: Karsten Serck